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Die Nabelschnur des Alpinisten
Die Geschichte des Bergseils
Schließt man die Augen und lässt verträumt Bilder entstehen, die man mit Erlebnissen beim Bergsteigen verbindet, wird unweigerlich bei jedem ein Moment auftauchen, in dem das Seil eine entscheidende Rolle einnimmt. Vielleicht der Augenblick, wo man sein erstes eigenes Seil ehrfürchtig durch die Hände gleiten ließ, vielleicht der Tag, an dem man sich mit Herzklopfen auf seine erste Abseilfahrt in die Tiefe begab, vielleicht aber gar auch eine Situation, in der ein Seil das Schlimmste verhinderte: einen Sturz im Steilfels oder in eine Gletscherspalte, den Abbruch einer Wechte am Grat oder einen schnellen Rückzug vor dem nahenden Gewitter!

Von Uli Auffermann

Das Bergseil - der Kletterstrick - the rope war und ist das Symbol des Alpinismus schlechthin. Sein Gebrauch drückt aus, dass ein Bergwanderer auch Bergsteiger Bergführer, aufgenommen 1883, Bildrechte: Heimatmuseum Grindelwaldgeworden ist, sei es auf Hochtouren oder Kletterfahrten. Bilddokumente aus den Anfängen des Alpinismus zeigen Bergführer, wie sie stolz das Seil in sauberen Schlingen um Schulter und Brust gelegt haben und mit einem Eispickel in der Hand einem neu entstehenden Berufsstand Würde und Ausdruckskraft verleihen. Für Kletterer sind die 45- oder 50-Meter-Seile nicht nur ein Gebrauchsgegenstand. Ein Seil verborgt man nicht, heißt es, sorgfältig und pfleglich sei der Umgang mit ihm. Es hängt schließlich im wahrsten Sinne des Wortes an jedem Ende ein Leben daran!

Der Gebrauch des Seils drückt aus, dass ein Bergwanderer auch Bergsteiger geworden ist.

In der Tat ist das Seil ein Lebensnerv, eine Art Nabelschnur, die über ihren funktionellen Wert hinaus dem Bergsteiger Sicherheit gibt. Wenn man sich etwa in der Obhut eines Bergführers am kurzen Seil trotz atemberaubender Gebirgswelt geborgen fühlt oder sich, verbunden mit einem guten Partner oder Partnerin, zutraut, beim Klettern einen Schritt weiter an seine Grenzen zu gehen!
Erst mit der Entdeckung des Seiles für das Bergsteigen war mehr möglich geworden, konnten die Menschen es wagen, schwierigere Gipfel zu besteigen und Wände, Grate und Flanken für sich zu entdecken, von denen aus sie neue Perspektiven einnehmen konnten.

Stets fürchtet sich der Anfänger vor dem Abwärtsgehen, da es viel schwieriger sei als das Aufsteigen.

Abseilen 1930, Archiv Auffermann1885 schrieb Emil Zsigmondy: "Wichtiger ist der Gebrauch des Seiles beim Abwärtsklettern. Stets fürchtet sich der Anfänger vor dem Abwärtsgehen, da es viel schwieriger sei als das Aufsteigen." Dies blieb nicht lange der einzige Aspekt. Bald schon nutzten die Gipfelstürmer das Seil zum Hinaufkommen, zum Absichern und Queren.
So ist die Weiterentwicklung des Bergseiles aufs Engste mit der Entwicklung des Kletterns verbunden. Als die Mauerhaken aufkamen, ermöglichte es die ersten extremen Steilwandklettereien bis hin zum VI. Grad, verband es die hart gesottenen Nordwandpioniere bei der Lösung der letzten Probleme der Alpen, erlaubte es den Kletterern in der Direttissima-Zeit, der Linie des fallenden Tropfens zu folgen, und machte die unglaubliche Leistungsexplosion der Sportklettergeneration erst möglich, als diese sich einlassen konnte, bei optimaler Sicherung in die perfekten High Tech-Seile der Neuzeit hineinzustürzen.
Leider sind mit dem Bergseil aber auch immer wieder ergreifende und tragische Augenblicke verbunden. Unzählige Dokumentationen gibt es darüber. Von Verlust und Beschädigung durch Steinschlag ist da die Rede oder von Seilrissen meist durch falsche Handhabung, die die Kletterhistorie traurigerweise seit der Erstbesteigung des Matterhorns aufzeichnet.
Eines der bewegendsten und unfassbarsten Schicksale, das man im Alpinismus kennt, ist gewiss der erschütternde Erschöpfungstod des Toni Kurz in der Eigernordwand, der es nicht mehr schaffte, nach unvorstellbaren Qualen die letzten Meter ins Leben abzuseilen, weil ein Knoten seinen Abseilkarabiner blockierte!
Die Geschichte des Toni Kurz siehe unten ...

Historische Daten

1786: Bei der Erstbesteigung des Mont Blanc werden Seile nur zu Transport und Bergung benutzt.

1865: Ein Seil aus weißem Manilahanf mit 12 mm Durchmesser kommt bei der Erstbesteigung des Matterhorns zum Einsatz.

Ende des 19.Jahrhunderts: Das Bergseil gewinnt immer größere Bedeutung. Die Bergführer sichern ihre Kunden und die Führerlosen benutzen es vor allem, um sich das Abklettern zu erleichtern.

Anfang des 20. Jahrhunderts: Die Mauerhaken kommen immer mehr auf und erlauben eine Absicherung der Kletterer auch im Vorstieg. Bei der Erstbegehung der Fleischbank-Ostwand soll das Seil zum ersten Mal als Hilfsmittel im Aufstieg eingesetzt worden sein.Seilaufschießen, 70-ger Jahre, Dachstein, Archiv Auffermann

Bis 1941: Gedrehte oder spiralgeflochtene Seile aus Hanf oder Seelenseile aus reiner Naturseide sind die gebräuchlichsten Bergseilkonstruktionen.

1941: Erste gedrehte Nylonseile aus Amerika

1950: Erste französische Nylonseile mit Seele

1953: Erste "Kernmantel"-Seile

1964: Erstmals wird ein internationales Prüfzeichen für Bergseile ausgestellt.

Mitte der Sechziger bis Ende der Siebziger Jahre: ständige Verbesserung der Kernmantelseile in Bezug auf Festigkeit, Arbeitsvermögen und Handling. Spezialimprägnierungen verhindern zu starke Feuchtigkeitsaufnahme

Achtziger Jahre: Die Zwillingsseiltechnik findet immer mehr Anwender.

Und heute? High Tech garantiert größtmögliche Sicherheit bei größtmöglicher Leichtigkeit und optimierten Handhabungseigenschaften. Für alle Spielformen des Alpinismus existieren spezielle Bergseile.

Ein Knoten wird zum Verhängnis

Jeder Bergbegeisterte kennt die Eiger-Nordwand und die Namen ihrer Schlüsselstellen: die Spinne, die Rampe und vor allem den Hinterstoißer-Quergang. Toni Kurz und Anderl Hinterstoißer wagten 1936 als erste den schweren Seilzugquergang. Eine Pioniertat, die zum wichtigen Baustein für den späteren Durchsteigungserfolg wurde.
Bei ihrem Versuch in der Wand rückten Bergseile in den Mittelpunkt des Geschehens und ihre Namen stehen für eine der schrecklichsten Tragödien, die in der alpinen Geschichte dokumentiert ist!

An den Fernrohren vor den Hotels der Kleinen Scheidegg haben sich trotz der frühen Morgenstunde schon einige Schaulustige eingefunden. Es ist etwa 9 Uhr am Freitag, den 18. Juli 1936. Die, die da einen Blick durch die Teleskope in das gewaltige Konkav der Eigernordwand erhaschen wollen, wissen, dass sich dort Bergsteiger befinden. Sie sind vorbereitet, denn die Schlagzeilen der Zeitungen haben in den letzten Tagen dramatische Ereignisse in der Eigerwand in Aussicht gestellt. Eine knisternde Spannung hat sich unter Journalisten und Touristen aufgebaut, denn gleich mehrere Seilschaften haben ihre Zelte unter dem Eiger aufgeschlagen. Wird es wieder zu einem ähnlich erschütternden Unglück kommen wie im August letzten Jahres, als die Münchener Mehringer und Sedlmayr hoch oben in der Wand vermutlich an Unterkühlung, Erschöpfung und schließlich Absturz starben?

Seit Sonnenaufgang macht es die Runde in den Hotels. Vier Bergsteiger sind in der Wand: die Berchtesgadener Andreas Hinterstoißer und Toni Kurz und die Österreicher Willy Angerer und Edi Rainer. Doch das, was man jetzt gegen 9 Uhr von den Alpinisten zu sehen bekommt, sieht nicht nach einer Tragödie aus. Da scheinen Spitzenkletterer tätig zu sein. Vor allem Hinterstoißer und Kurz, seit 1934 sind sie bei den Gebirgsjägern in Bad Reichenhall. Wer gerade einen Blick durch das Fernrohr werfen kann, wird Zeuge, wie Hinterstoißer eine glatte, ca. 30 Meter breite Platte mit Hilfe eines Seilzugquergangs schräg abwärts traversiert. Eine Technik, die schon Hans Dülfer berühmt machte und die Hinterstoißer perfekt beherrscht.
Die Überwindung der Platte ist der Schlüssel zum weiteren Aufstieg. Hinterstoißer schafft den Quergang und spannt ein Seil, an dem Kurz und die mittlerweile aufschließenden Österreicher ohne Probleme hinüber hangeln können. Das Ganze dauert gerade einmal zwei Stunden. "Wenn die so weitermachen, erreichen die zügig den Gipfel", vermuten die Beobachter. Sie sehen, wie Hinterstoißer das Geländerseil aus dem Quergang abzieht, nachdem alle die Stelle bewältigt haben.
Niemand ahnt zu dem Zeitpunkt, dass der Abzug des Seiles der Auftakt zu einem der schrecklichsten Unglücke in der alpinen Geschichte sein würde. Dieser Quergang, der später den Namen "Hinterstoißer-Quergang" erhält, sollte zur Falle für die vier Bergsteiger werden.

Die beiden Deutschen kommen gut voran, schließen sich aber mit den langsamer werdenden Österreichern zu einer Seilschaft zusammen, da Angerer offenbar durch Steinschlag verletzt wurde. Sie erreichen das zweite Eisfeld und biwakieren. Am nächsten Tag, am 19. Juli, verhüllt immer wieder Nebel die Wand, die Kletterer überwinden nur 200 Höhenmeter und verbringen die Nacht auf dem "Bügeleisen". Am 20. Juli erreichen sie das "Todesbiwak", die Stelle, an der Mehringer und Sedlmayr ums Leben kamen, und müssen erkennen, das sie mit dem verletzten Angerer nicht weiter aufsteigen können. Also Rückzug. Immer noch ist die Wand die meiste Zeit in Nebel gehüllt, es kündigt sich ein Wettersturz an. Gegen 20.30 Uhr richten sie ihr drittes Biwak am oberen Rand des ersten Eisfeldes ein. In der Nacht schlägt das Wetter endgültig um. Am 21. Juli schneit es ohne Unterlass, Neuschneerutsche und Steinschlag gefährden die vier Bergsteiger beim Abstieg. Als sie schließlich das linke Ende des Quergangs wieder erreichen, wähnt man die vier bereits in Sicherheit, befinden sie sich doch in der Nähe eines Stollenloches der Jungfraubahn, von dem aus sie sogar gesehen werden. Doch sie können bei diesen Verhältnissen den Quergang ohne das Seil nicht zurück klettern! In der Sturzbahn von Lawinenabgängen und Steinschlag muss über eine 100 Meter hohe Wandstufe direkt abgeseilt werden.

Während der Streckenwart schon heißen Tee zu ihrem Empfang holen geht, geschieht das Unglück: Drei der Bergsteiger kommen durch einen Lawinen- und Steinschlagabgang ums Leben, nur Toni Kurz lebt noch.
Seine Hilferufe werden vom Streckenwart gehört. Schweizer Bergführer eilen herbei, müssen jedoch wegen der beginnenden Nacht abbrechen. Am nächsten Tag sind die Helfer nur noch 40 Meter entfernt, dann aber kommen sie nicht weiter. Die Retter sehen nur noch eine Möglichkeit: Toni Kurz soll aus Seilresten die Litzen herausdrehen, aneinander knoten, damit ein Seil zu sich herauf ziehen und sich selbst abseilen. Um die erforderliche Länge zu haben, wurden zwei 30-m-Seile durch einen Knoten verbunden. Drei Stunden benötigt Toni Kurz, bis er das Seil heraufgezogen hat, seine linke Hand war in der Nacht erfroren. Dann beginnt er, sich im Karabinersitz abzuseilen, kommt bis unter einen Überhang, ist nur noch wenige Meter von den Helfern entfernt: Der Knoten steckt im Karabiner fest! Mit allerletzten Kräften versucht er noch, sich irgendwie zu befreien. Doch er ist am Ende. Hilflos sind die Schweizer Bergführer dazu verurteilt, mit anzusehen, wie Toni Kurz vor ihren Augen stirbt.

Was muss der 23-jährige Toni Kurz durchgemacht haben? Woher nahm er die Kraft, so lange gegen den Tod anzukämpfen? Man wird es nie erfahren. Ein unfassbares Schicksal im Angesicht der Schweizer Bergführer - eines der bewegendsten, das man im Alpinismus kennt!
Text Uli Auffermann
Bilder: Uli Auffermann
Bildrechte: Von oben nach unten:
Bergführer, aufgenommen 1883, Heimatmuseum Grindelwald
Abseilen, 1930, Archiv Auffermann
Seilaufschießen, 70-ger Jahre, Dachstein, Archiv Auffermann
Internet: www.uliauffermann.de
Buchtipps: Uli Auffermann: Was zählt ist das Erlebnis - Anderl Heckmair. Alpinist und Lebenskünstler
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