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Mountainbiken rund um Wien

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Celine

Come on, Pokémon!

Wenn Kinder zum ersten Mal die Wand raufgehen

Wenn draußen gar nichts mehr geht, weil zu cool oder zu wenig cool, je nachdem, bietet sich die ideale Gelegenheit, unsere Game Boys und Girls einmal wirklich die Wände raufgehen zu lassen.

Text: Thomas Rambauske, Bilder: Carola Schreiner-Walter

Sollen Pokémon & Harry Potter doch wirklich mal durch die Luft fliegen und bis in die kleinste Nervenfaser erfahren, was es heißt, am seidenen Faden zu hängen. Sollen sie doch mal realiter das Leben des anderen in der Hand halten und umgekehrt ihr Leben dem anderen anvertrauen.

Boulderhallen gibt es mittlerweile sonder Zahl, und wenn unsere Taschenmonster (Pocket Monster = Pokémon) bislang noch keinen Karabiner zu Gesicht bekommen haben, bieten Organisationen wie Alpenverein oder die Wiener Abenteuerschule auch eigene Kids-Kurse an. Also mit einem 8-köpfigen Flohzirkus aus der Sternsinger- und Ministrantenszene in die Boulderhalle Neuwaldegg (Wien 17) gepilgert, in den Rucksäcken Turnschuhe, Trainingsanzug und haufenweise Aufregung.
Wir werden von Stefan empfangen, einem waschechten Bergfex, von dessen Klettergurt jede Menge geheimnisvolles Klimbim baumelt. Er sei Ausbildner hier und werde uns die Grundzüge des Kletterns erklären. "Wohnst du auch in der Halle?", unterbricht ihn Niki. "Aber sicher!", lächelt Stefan, "vor allem an Tagen wie heute, wenn die Kurse früh beginnen und bis spät abends dauern." "Und was hängt dir da von der Hose?" Stefan erkennt schnell, dass er es hier mit typischen Stadtkindern zu tun hat: Unschlagbar beim Nintendo-Spielen, aber keine Ahnung von den wahren Freuden des Lebens. "Das ist ein Seil, das ein Gurt, ein Karabiner, das eure Hände und Augen – allesamt die wichtigsten Werkzeuge fürs Klettern!"
Stolz werden die Gurte angelegt – "Hei, sieht cool aus!"

Gurte anlegenGurte anlegen
Lena und Wiwi zum ersten Mal in Klettermontur – sieht cool aus!

In der Halle scheinen die Wände weit in den Himmel zu wachsen. "Ist da überhaupt schon mal jemand hinaufgekommen?" "Und wie kommt man da wieder runter?" Stefan beginnt nicht von vorn, sondern weit VOR vorn. Mit klarer Stimme erklärt er den Umgang mit Seil und Karabiner. Die kleine Gemeinde lauscht mit Staunen und Erwartungsfreude. "Einfach losklettern ist nicht! Da gilt es vorher einiges zu beachten. Dass etwa die Karabiner ordentlich angelegt sind, der HMS-Knoten (Halbmastwurf) richtig gebunden, das Bremsseil nie losgelassen, und dass der Partner keinen Moment aus den Augen gelassen wird."

Stefan
Da hinauf?... Aber wie?

Es vergeht einige Zeit, bis die Knoten sitzen, ohne dass wir uns die Hände gebrochen haben. Dann aber losgelegt: Geklettert wird zu dritt, einer geht die Wand hoch, einer sichert, der dritte sichert den Sichernden. Floh Lena muss mittels Gewichten beschwert werden, damit sie als Sichernde nicht schneller on top fliegt als Seilpartner Jakob herunter. Typisch für die erste Schnupperstunde: Die Aufmerksamkeit gilt weniger der Kletterei als vielmehr Seil, Karabinern – und Händen. Seil anlegenDas Bremsseil nie loslassen, umgreifen, aufpassen, dass sich nichts verklemmt – meine Güte, wohin mit meinen Greifwerkzeugen? Hätte ich doch bloß mehr als nur zwei! Celine kämpft sich verbissen Meter um Meter hoch, Finger und Zehen tasten nach Griffen, die ruhig etwas größer sein könnten. Kletter-Ass wird keines aus ihr, aber sie hat ihre Mutgrenze gehörig erweitert – womit sich der Sinn dieses Unternehmens für sie schon erfüllt hat. Nach drei Metern hängen unsere Taschenmonster müde in den Seilen. Was es da noch an Muskeln gibt, unfassbar! Und dass man die Finger auch zu was anderem verwenden kann als zum Computerspielen – wow! Es fällt auf, dass sich die Kids nicht um ihre Sicherheit sorgen, ihr kindliches Urvertrauen, dass der am anderen Ende des Seils schon auf sie aufpasst, hievt sie unmerklich über mehrere Angstschwellen hinweg. Andererseits nimmt der Sichernde seine Sache sehr ernst, lässt den ihm Anvertrauten nie aus den Augen.

Lena
Der Seilpartner wird nie aus den Augen gelassen.

All-inclusive-Sport Klettern als einmalige Möglichkeit, die "Sozialkompetenz" zu verbessern, könnte man ganz gscheit behaupten, weil es ja wirklich um Verantwortung, Vertrauen, Konzentration usw. geht. Von der tief empfundenen Befriedigung, etwas geschafft zu haben, gar nicht zu reden.

KletternKlettern
Ganz hinauf schafft es nur Lena.

Ganz zur Decke 10 m über dem Boden schafft es, angefeuert durch "Come on, Pokémon!"-Rufe, nur Floh Lena. Weit über uns lacht sie von einem Ohr zum andern – Austrias next Kletterstar! Jakob lässt sie runter – ganz langsam, vorsichtig, als bestünde sie aus Porzellan. Die Kursstunde ist viel zu schnell vorbei. "Gehen wir morgen wieder klettern? Bitte, biiiitte!!" Passt, der Funke ist gelegt, wir kommen wieder, bevor wir im Frühling einen wirklichen Felsen hochgehen.