Dass
ich drei Mal wetterbedingt am Dachstein gescheitert bin, unterstreicht
einerseits die Tatsache, dass dieser legendenumwobene Berg durchaus
launig sein kann, andererseits, dass er zum Pflichtprogramm eines österreichischen
Bergsteigerlebens zählt. Weil er der Höchste Oberösterreichs
und der Steiermark ist und die ihn und seine Hütten umgebende Geschichte,
seine facettenreiche Landschaft mit all ihren beeindruckenden Erscheinungen
von Flora und Fauna, aber auch sein durchaus hoher alpinistischer Anspruch
- Gletscher, Fels, Klettersteig - zum "Must Do" machen! Heuer
hat's also endlich geklappt, mitten in einem sommerlichen Wintereinfall.
Aufstieg
Bergstation
Oberfeld (1830 m) - Bärengasse - Ochsenwiesalm - Wiesberghaus
(1873 m) - Ochsenwieshöhe - Speikleiten - "Hotel Simony"
- Simonyhütte (2203 m)
HU
ca. 500 m, GZ 3 Stunden
Durch
die facettenreiche Landschaft des Dachsteingebietes ...
Weil sie
schon mal da ist, lässt man sich mit der Seilbahn bequem von Hallstatt
aufwärts zur Bergstation Oberfeld unweit der Gjaidalm und
der Schilcher Hütte chauffieren. Sieht ja niemand.
Hier, schon im tiefsten Dachsteingeländ', werde ich von Bundespräsident
Dr. Heinz Fischer erwartet, der die Ehre hat ;-), mit mir gen Wiesberghaus
(1873 m) zu wandern.
Bundeswanderer
Heinz Fischer, Bergrettungspräsident Dörflinger und das Ehepaar
Lama geben sich die Ehre, mich zum Wiesberghaus zu begleiten ...
In Wahrheit
folgten wir einer Einladung der Generali-Versicherung und der von dieser
gesponserten Österreichischen Bergrettung, die alljährlich
eine große Tour für Promis und Journalisten veranstalten,
um den Sorgen der Bergrettung mehr öffentliches Gehör zu verschaffen.
Also dem ordentlich "angasenden" Bundeswanderer nach durch
die verlatschten Hohlwege der Bärengasse (650) bis zum Boden
der Ochsenwiesalm, wo nordwestlich das Wiesberghaus liegt
(1,5 Std.). Einkehr im geschichtsträchtigen Alpinzentrum. Während
der Bundeswanderer wieder absteigt, lenken wir unsere Schritte durch
einen klammartigen Einschnitt an der Ochsenwieshöhe in den
nordöstlichen des Wildkarkogels gelegenen Sattel bei Punkt 2012.
Alles reine Genusspromeniererei über kalksteinbedeckten Boden und
harzduftenden Latschenwald. Weiter auf den Rücken der Speikleiten,
kurz abwärts und in Kehren etwas steiler bergan zum "Hotel
Simony", dem 1843 von Friedrich Simony (Infos siehe unten)
errichteten ersten Unterstand am Dachstein.
"Hotel
Simony"
Diese mit
Steinen umschlossene Schutzhöhle diente den ersten Dachsteinbesteigern
als Rast- und Notunterkunft, ehe 1876 mit dem Bau der heutigen Simonyhütte
(Infos siehe unten) als erster Hütte am Dachstein begonnen
wurde. Die ist nach einigen steilen Kehren und 1,5 Stunden auch schon
erreicht. Die Simonyhütte dient heute auch als Ausbildungszentrum
- der Gletscher, ein Klettersteig nebenan und der griffige Fels der
Dachsteinwände bieten die idealen Voraussetzungen dafür.
Die
Simonyhütte in der Morgensonne ...
Gipfelanstieg
Simonyhütte
(2203 m) - Hallstätter Gletscher - Seethaler Hütte
(2740 m) - Randkluft-Steig - Hoher Dachstein (2995 m)
- Obere Windlucke - Großer Gosaugletscher - Steiner Scharte (2722
m) - Hallstätter Gletscher - Simonyhütte
HU
ca. 700 m, GZ 8-9 Stunden
Rast
in der Seethaler Hütte
Die
Frau von Format hantelt sich über die Felsen.
Das
Gipfelkreuz ist selten schneefrei.
AAAction
... Dem Mann von Format gefällt's!
"Bewaffnet"
mit Steigeisen und Pickel zunächst über den gerölligen
Moränenrücken von der Simonyhütte zum Rand des Hallstätter
Gletschers hinunter. Ein Steinmann, eine Markierungsstange und eine
Hinweistafel kennzeichnen den Kettenanlegeplatz (1,5 St.).
Am
Hallstätter Gletscher öffnen sich doch einige Spalten ...
Der Gletscher
steigt nie steil in die flache Firnmulde unterhalb der Steinerscharte
und von dort zwischen Niederem Dachstein und Eisstein
gen Seethalerhütte (1,5 St.; erbaut 1929 von der Familie
Seethaler aus Hallstatt. Sepp Seethaler, der legendäre Hüttenwirt,
versorgte die Hütte unglaubliche 50 Jahre lang.). Von hier
nordwestlich über Gletscher steiler bergan und in einem weiten
Linksbogen zur berühmten Randkluft, die je nach Verhältnissen
mehr oder weniger schwierig oder gar nicht zu überwinden ist. Wir
fanden sie jedenfalls gut bebrückt vor.
Über
die - diesmal - harmlose Randkluft
Neuerdings
ist der Schlussanstieg mit einem fast durchgehenden Stahlseil versichert
(Klettersteig-Schwierigkeit B), was die Kletterei an sich vereinfacht,
findet man nicht eisige Verhältnisse vor, was die Sache wieder
zu einem "action"-reichen Abenteuer macht. Der an sich schon
speckig rutschige Fels, aber auch dass Seil kann dann von Eis glaciert
sein - vor allem für Unerfahrene eine Herausforderung. Für
diesen Fall ist unbedingt ein Klettersteig-Set anzuraten - ein Helm
sowieso und gute Nerven. Den Gipfel wird man nach weiteren 1,5-2,5
Stunden (je nach Verhältnissen) erreicht haben. Auf den Ausblick
will ich gar nicht besonders eingehen, der ist sowieso ein Wahnsinn
- eh klar.
Will man den Dachstein überschreiten, steigt man - wieder an guten
Stahlseilen entlang - über den Westgrat hinunter in die
ObereWindlucke (1 Std.) und den kurzen Firn- od. Geröllhang
hinunter zum GroßenGosaugletscher.
Bei
eisigen Verhältnissen heißt es auch beim Abstieg Richtung
Obere Windlucke ordentlich aufpassen.
Auf diesem
entlang der Spur in Richtung Adamekhütte kurz abgestiegen und oberhalb
des Gletscherbruchs nach Osten zum orographisch rechten Gletscherrand.
Kurz danach sieht man rechts in den Felsen einen großen roten
Markierungspunkt mit Pfeil, was man leicht übersehen kann! Hier
über die Randkluft in eine drahtseilversicherte, nach links emporführende
Rampe, die um ein markantes Eck herum in einen kleinen Geröllkessel
leitet.
Nun entlang des gesicherten Steigs leicht in die Steinerscharte,
2722 m. Jenseits über den nicht besonders steilen Firnhang oder
besser rechts davon über den Klettersteig hinunter zum flachen
Hallstätter Gletscher.
In kurzer Zeit quert man zur Anstiegsspur und gelangt auf dieser wieder
zum Gletscherrand und weiter zur Simonyhütte. Geschafft.
Fast 9 Stunden aufregender Gletscher- und Klettersteiggeherei liegen
hinter uns, jetzt kann ausgeschnauft und zufrieden zurückgeblickt
werden. Der Dachstein ist - zumindest für mich - kein Mythos mehr,
sondern nur mehr ein Berg, der sich umsonst gewehrt hat.
"Ich
war noch nicht am Dachstein, ist mir auch vollkommen wurscht, Hauptsache ich
habe Graaaas ..."
Hoher
Dachstein
Der
Hohe Dachstein ist mit 2.995 m der höchste Gipfel des Dachsteingebirges
und gleichzeitig der höchste Gipfel der österreichischen Bundesländer
Oberösterreich und Steiermark. Durch seine dominierende Stellung
zwischen Salzkammergut und Ennstal gilt er seit langem als beliebtes
Motiv für Landschaftsmaler und Fotografen – und seit dem 19. Jahrhundert
auch für Bergsteiger. Berühmt sind auch die rund 1 km hohen
rötlichen Südwände aus Dachsteinkalk.
Die Erstbesteigung des Hohen Dachsteins erfolgte 1834 durch die Gebrüder
Gappmayr und Pater Karl Thurwieser über den Gosau-Gletscher, nachdem
zuvor Erzherzog Karl über den Hallstätter Gletscher gescheitert
war. Bereits zwei Jahre später wurde von Gappmayr ein hölzernes
Gipfelkreuz errichtet. Die erste Winterbesteigung gelang am 14. Januar
1847 Friedrich Simony. Die erste Kletterroute durch die Südwand
des Hohen Dachstein begingen am 22. September 1909 die beiden Ramsauer
Brüder Irg und Franz Steiner. Der Weg wurde damals als "Himmelsleiter
der Steiner-Buam" bezeichnet und ist heute noch als Steinerweg
eine beliebte Kletterroute.
Die
facettenreiche Landschaft der Dachstein/Hallstatt-Salzkammergut mit
ihrer geschichtlichen und kulturellen Dimension, mit ihren einzigartigen
Höhlensystemen, mit all ihren Erscheinungen von Flora und Fauna
wurde 1998 zum UNESCO Weltnatur- und Kulturerbe erklärt. Innerhalb
der UNESCO-Welterbenliste ist Hallstatt neben dem Australischen Ayers
Rock und einer Insel der Philippinen das einzige Menschheitsdenkmal,
das beide Aspekte - jenen der Natur und jenen der Kultur - in sich vereinigt.
Um diesen Aspekt näherzubringen wurde zwischen Krippenstein, Gjaidalm,
Oberfeld, Wiesberghaus und Simonyhütte der "Nature Trail Dachstein"
eingereichtet, wo geologische, botanische, zoologische und kulturelle
Besonderheiten mit Schautafeln und Folder aufbereitet werden.
Unter
den Alpengipfeln ist der Dachstein wohl der sagenumwobenste. Für
die Menschen der Frühzeit war er magischer Wohnort ihrer Götter,
aber auch Wohnung des Teufels und der bösen Mächte, die an
sonnigen Tagen Schneewolken über die Gipfel wehen lassen.
Der
Dachstein war auch beliebtes Motiv berühmter österreichischer
Maler der Biedermeierzeit, so etwa für Ferdinand Georg Waldmüller
(1793 - 1865), der den Dachstein 1838 mit dem Bild "Der Dachstein
mit dem Hallstätter See von der Hütteneckalm" (siehe
Bild) auf Leinwand bannte. Als weiteres Dachstein-Bild Waldmüllers
wäre "Der Dachstein vom Sophien-Doppelblick bei Ischl"
aus dem Jahr 1838 zu nennen. Ebenso bekannt das Ölbild "Der
Dachstein vom Plassen" von Friedrich Gauermann (1807-1862).
Last
but not lesast findet sich der höchste Berg der Steiermark auch
in der Landeshymne wieder: "Hoch vom Dachstein an, wo der Aar noch
haust, bis ins Wendenland am Bett der Sav' ..."
Friedrich
Simony
Friedrich
Simony (* 30. November 1813 in Hrochowteinitz, Böhmen; † 20. Juli
1896 in St. Gallen, Steiermark) war Geograph und Alpenforscher, wurde
vor allem jedoch durch die Erschließung des Dachsteingebietes
bekannt. 1840
begann Simony erstmals mit den Forschungen auf dem Dachsteinplateau
und mit der Erkundung der Geomorphologie und der acht Gletscher des
Dachsteingebirges. 1847 gelang ihm die erste Winterbesteigung.
Nach ihm sind im Dachsteingebiet die Simony-Hütte und die Simony-Scharte
benannt. Von 1851 bis 1885 war er Universitätsprofessor in Wien
und gründete die Lehrkanzel für Geographie.
Seine erste gedruckte Arbeit "Ersteigung des Hohen Dachsteins vom
Karls-Eisfeld aus", wurde in der Wiener Zeitung gedruckt. Nach
seinen Anregungen wurde ein Dachsteinweg und eine kleine Unterstandshütte
aus Steinen am Plateau gebaut. Die Hütte im Wildkar taufte er "Hotel
Simony", die heute nahezu originalgetreu rund fünf Gehminuten
von der Simonyhütte zu sehen ist.
Im Jahre 1844 lernte Simony im Hause Metternichs auch den Dichter Adalbert
Stifter kennen und befreundet sich mit ihm. Stifters Geschichte von
den Kindern Konrad und Sanna, die sich verirren und dabei in die Eisregion
geraten, hat die Welt erobert. In der Erzählung "Bergkristall"
hat Stifter die Landschaft des Dachsteins ebenso verewigt wie in seinem
Roman "Nachsommer".
1844 began Simony seine limnologischen Forschungen und führte Lotungen
im Hallstätter See durch. Auf Grund seiner umfangreichen und systematischen
Vorgehensweise gilt er als einer der Wegbereiter dieser Forschungsrichtung.
Neben seinem sozialen Engagement für gemeinnützige Stiftungen
betrieb er ein Photoatelier und richtete in Hallstatt eine mineralogische
Schausammlung ein. Weiters trieb er Ausgrabungen am Hallstätter
Salzberg mit einem riesigen Gräberfeld voran. Die Höhlenforschung
war nur ein kleiner Teil seiner Arbeiten. Den größten Teil
seines Lebens verbrachte er damit, den Dachstein zu beobachten und zu
dokumentieren, die Wanderwege zu markieren und den ersten gesicherten
Klettersteig auf den Dachstein zu errichten.
1885 tritt Simony in den Ruhestand, fünf Jahre später besteigt
er zum letzten Mal den Dachstein, am 20. Juli 1896 stirbt er in Sankt
Gallen.
Simonyhütte
Mit dem Bau der Simonyhütte wurde 1876 begonnen. Den Bauplatz am
- ehemaligen - Fuß des Gletschers hat Simony selbst ausgewählt.
Am 18. August 1877 folgte die feierliche Eröffnung. Bereits 1891
wurde sie erstmals erweitert, dann immer wieder um- und zugebaut. Heute
präsentiert sich die Simonyhütte als zeitgemäße
Bergsteigerunterkunft, die auch den Anforderungen der vielen Alpinkurse,
die hier abgehalten werden, voll entspricht.
Wiesberghaus
Anlässlich ihres 25-jährigen Jubiläums beschloss die Ortsgruppe
der Naturfreunde Floridsdorf (Wien) 1922, ein Schutzhaus zu errichten.
Ein Jahr später war der geeignete Platz auf der Wiesberghöhe
hoch über Hallstatt gefunden, am 27. Juli 1927 wurde sie eröffnet.
Das Wiesberghaus ist nicht nur ein gemütlicher Stützpunkt für
Dachsteinbegeher, die auf den Spuren von Friedrich Simony von Hallstatt
heraufkommen, sondern dient auch als Ausbildungsstützpunkt für
Alpinkurse.
Schwierigkeiten:
Für
die vorgestellte Tour auf den Dachstein ist der komplette Bergsteiger
gefragt ...
Der
Dachstein kann - je nach Verhältnissen - sehr harmlos sein, aber
auch gefährlich: Vorsicht bei Schlechtwetter und Nebel! Schlechte
Sicht führt trotz ausgezeichneter Markierungen rasch zu Orientierungsproblemen!
Es rät sich ein früher Aufbruch, will man beim Randklufteinstieg
und beim Schlussanstieg nicht im Stau stecken, zudem ist bei Massenandrang
mit Steinschlag zu rechnen; am Westgrat geht es etwas ruhiger zu, an der
Steinerscharte ist man fast allein.
Auch der Gletscher macht an sich einen harmlosen Eindruck, dennoch tun
sich mitten drin einige nette Spalten auf, die Steigeisen, Seil und Pickel
erforderlich machen. Resümee: Eine Dachstein-Begehung ist eine Mixed-Tour mit hohen
Ansprüchen für alpine Normalverbraucher: Sowohl am Gletscher
als auch am Klettersteig (B) ist der komplette Bergsteiger gefragt, der
mit plötzlichen Wetterumschwüngen ebenso zurechtkommt wie mit
vereisten Stahlseilen, Gletscherspalten und schlechten Sichtverhältnissen.
Höhenmeter:
Etwa
700 in Auf- und Abstieg
Gesamtgehzeit:
ca.
8-9 Stunden
Beste
Jahreszeit:
August,
September
Kinder:
Ab
14
Ausrüstung:
Pack-Checkliste-Gletscher,
Pack-Checkliste-Klettersteig;
am Gletscher komplette Gletscherausrüstung inkl. Sicherheitsgurt,
Karabiner, Seil, Pickel, Steigeisen; am Gipfelaufbau Klettersteigset und
Steinschlaghelm empfehlenswert!