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Der höchste Spitz im ganzen Land Tyrol

Ortler

(3905m, Ortlergruppe, Italien, 7/1996)

Eure Majestät, der Ortler

Vorbemerkung

Was der Großglockner den Österreichern, den Schweizern der Dom, der Montblanc allen Europäern, ist den Italienern der Ortler: Alle müssen zumindest einmal oben gewesen sein. Dementsprechend geht es an schönen Tagen am Normalweg auch zu: Ganz Italien belagert Payerhütte und Ortler, da wird gestaut, gedrängt, geschimpft - pronto! pronto! -, Profis versammeln sich da mit alpinen Sonntagskletterern, Südtiroler mit Amerikanern, Wiener mit Römern, kurzum: auf diesem hochalpinen Pilgerweg geht's richtig "luschtig zua".

Der Ortler, ein Riesenklotz aus Fels und Eis, der "höchste Spitz im ganzen Land Tyrol" (Peter Anich, 1774, im Atlas Tyroliensis), zählt zu den ganz großen Zielen jedes Alpinisten. So königlich und selbstherrlich er aber auch über dem Suldner Tal thront, so unnahbar, ja abweisend gibt er sich auch. Er will erschwitzt, erkämpft, "erobert" werden.

Aufstieg aus dem Suldner Tal zur Payerhütte

Sulden - Tabarettahütte (2556m) - Payerhütte (3020m)

3-4 Stunden/HU: 1250m

Eine Wächte bricht ab ...

Aufgewärmt von Monte Cevedale und Königspitze steigen wir den 4er-Weg von der Suldener St. Gertraud Kirche in westlicher Richtung langsam hoch, bis wir die Baumgrenze erreichen. Als wir die Moräne des Marltgletschers überqueren, bricht ein Teil der Gipfelwächte ab und donnert unter ohrenbetäubendem Getöse zu Tal. Ein mit vielen Tafeln bestückter Gedenkstein erinnert an die Opfer unseres Berges. In Kehren hinauf zur weithin sichtbaren Tabarettahütte, einer typischen Touristenherberge (1,5-2 Stunden).

Wir halten uns nicht lange auf, marschieren weiter in nord-westlicher Richtung, den Fuß der Tabarettawände entlang, dann in steilen Kehren zur Bärenkopfscharte (2879m) hoch. Über den Tabarettakamm und das Meer der vielen Ortlergipfel zur Payerhütte (3020m; 1,5-2 Stunden).

Da die Payerhütte vor allem bei Schönwetter chronisch überfüllt ist und wir nicht vorreserviert haben, finden wir nur mit Mühe ein Bettchen, und das auch nur, weil wir "Öschterreicher" sind. Das Abendessen wird in Etappen ausgegeben, den Wein genießen wir vor der Hütte im Licht der untergehenden Sonne - ein traumhaftes Erlebnis, für das wir weder Schlange stehen noch zahlen müssen:

Sonnenuntergang am Ortler

Payerhütte - Bivacco Lombardi - Ortler (3905m) - Payer Hütte

6-8 Stunden, 900 Hm

 

Gedränge beim Aufstieg

 

 

Der Stau beginnt bereits um 5 Uhr morgens vor WC und Frühstücksbuffet. Um 6 Uhr verlassen wir die Hütte zu einer langen und erlebnisreichen Tour.

Gleich südwärts, die Westflanke der Tabarettaspitze querend, auf jenen Grat, der die "Hohe Eisrinne" nach oben hin begrenzt. Kurzer Abstieg in eine Scharte und in die Wandln des Tschirfecks, über versicherte, ausgesetzte Passagen auf einen kurzen Felsgrat. Hier muss manchmal zugepackt (I-II) werden, auf und ab, ab und auf, da wimmelt es von Apinisten jeder Couleur und Herkunft - "Pronto, Pronto!" - "Nich' so drängeln, Mensch!" - "Please, don't stop, stupid guy!" - "Schleich' di oder wüst do übanocht'n!" -, a rechte Gaudi, wie bei der Eröffnung des Winterschlussverkaufs.

Selbst dieser Normalweg hat es in sich, zumal einem unweigerlich ein fremder Rhythmus aufgedrängt wird, mitunter ordentliche Abgründe zu übersteigen (eher alibihafte Ketten bieten nicht wirklich effektiven Halt), Griffe und Standplätze von Milliarden Italienerschuhen speckig und blankgescheuert sind.

Nach etwa 2 Stunden erreichen wir den Oberen Ortlerferner. Etwas nach Südwesten ansteigend bis zum Fuß des vom Bivacco Lambardi herabziehenden Felsgrates. Hier erreicht man die Gletschermulde des Bärenlochs. Über Geröll und Firn oder rechts auf dem Gletscher zum Lombardi-Biwak (Bivacco Lombardi, 3316m, Notunterstand), am Grat und über den darauf folgenden, flachen Gletscher zu einem Steilaufschwung (kann vereist sein! Steigeisen!). Über diesen auf das Obere Ortlerplatt und zu einem Sattel, von dort in südlicher Richtung zum Gipfel (3-5 Stunden).

Am Gipfel halten wir uns nicht lange auf, zumal er der wohl dichtest bevölkerte Ort der Welt ist und wir vor der nächsten Rückreisewelle wieder die Kletterei bewältigt haben wollen. Denkste. Auch der Rückweg eine vollkommen humor- und genusslose Drängerei, für Seitenblicke auf die uns umgebende Kulisse bleibt kaum Zeit.

Auf der Veranda der nun seltsam stillen Payerhütte spülen wir uns den schalen Nachgeschmack dieser Tour mit kühlem Weizenbier von der Seele (vom Gipfel zur Hütte: 3 Stunden) - auch net schlecht ...

Am Gipfel des Ortlers

Payerhütte - Sulden

3 Stunden

Der Rückweg gleicht dem Aufstiegsweg von gestern.

Tipps und wichtige Hinweise:

  • Da die Payerhütte an chronischer Verstopfung leidet, unbedingt vorreservieren - sonst: Stufe 34a-36b!
  • Bei schlechter Sicht unter Umständen am Oberen Ortlerferner schwierige Orientierung.
  • Die Kletterei von der Payerhütte bis zum Ortlergletscher sollte aus folgenden Gründen nicht unterschätzt werden: Die Griffe und Stufen sind blankgescheuert und rutschig; durch den regen Verkehr erhöhte Steinschlaggefahr (Helm!); der durch das Gedränge aufgezwungene Rhythmus kann schwerwiegende Fehler verursachen ...
  • Der Ortlergletscher präsentiert sich im Sommer manchmal vereist und nach Neuschneefällen lawinengefährdet.
  • Wer den Ortler wirklich genießen will und den 4. Klettergrad beherrscht, sollte über den Hintergrat (III-IV) von der Hintergrathütte aus aufsteigen! Oder man wählt ruhigere (Wochen-)Tage, wenn kein großer Ansturm zu erwarten ist.
  • Wie überall in der Ortlergruppe (siehe auch Königspitze und Monte Cevedale), ist auch am Ortler der komplette Bergsteiger gefragt, der mit felsigem und eisigem (Gletscher-)Terrain gleicher Maßen gut zurechtkommt.

Wissenswertes:

  • Im schrecklichen Gebirgskrieg 1915/18 befand sich auf der Gipfelfläche des Ortlers der höchstgelegene Kriegsschauplatz, wobei jedoch der eigentliche Gipfel unbesetzt blieb.
  • Die Erstbegehung des hier vorgestellten Normalweges gelang im September 1864 durch Headlam.
  • Die Payerhütte wurde 1875 durch die Sektion Prag eröffnet, um den vielen Ortler-Aspiranten einen effektiven Stützpunkt zu schaffen.
  • Die Erstbesteigung gelang Josef Pichler und seinen Gefährten am 27.9.1804 - ohne Pickel und Seil über die "Hinteren Wandeln" des SW-Seite.
Karten:

Freytag & Berndt WKS 6, Ortlergruppe, Martell, Val di Sole, 1:50.000

Südtiroler Wanderkarte 1:25.000, Blatt 4

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