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"Der Kamm über den Weiden"

"Der Kamm über den Weiden"

Anita Maruna und Hans Goger am 13. höchsten Berg der Welt

Die Besteigung der mächtigen Shisha Pangma in Tibet gestaltet sich wesentlich schwieriger als sein Nachbar Cho Oyu (8201 m) und Mount Everest (8850 m), der ebenfalls in der Nachbarschaft des "Kammes über den Weiden", so "Shisha Pangma" übersetzt, steht.
Dementsprechend wenige Bergsteiger versuchen sich an der Shisha Pangma, dem dreizehnthöchsten Berg der Welt. Drängen sich an Everest und Cho Oyu jede Saison hunderte Alpinisten, sind es an der Shisha Pangma gerade mal etwa 4 Dutzend. Um so familiärer und natürlicher gestaltet sich eine Expedition auf diesen wirklich wunderschönen Berg.

Von Hans Goger

Gemeinsam mit meiner Freundin Dr. Anita Maruna aus Wien wollte ich versuchen, über den Nordost-Grat zuerst zum sogenannten "Gendarm" zu klettern und von dort aus die extrem gefährliche Ostwand Richtung Gipfel zu durchsteigen. Bliebe man nämlich auf dem Grat, wäre die Tour schon bald zu Ende, da der Gratschluss auf ca. 8013 Metern am sogenannten Zentralgipfel endet, der kaum technische Schwierigkeiten bietet.
Anita und ich wollten aber auf den wesentlich anspruchsvolleren Hauptgipfel (8046 m), da wir beide der Ansicht sind, dass der Gipfel vom höchsten Punkt gebildet wird, und nicht irgendwo anders liegt.

Die Shisha Pangma

Zum Aufwärmen der Annapurna-Trek

Als Vorbereitung für diese Bergfahrt diente uns der Annapurna-Trek - eine außergewöhnlich schöne, ca. 200 Kilometer lange Wanderung zwischen den beiden Achttausendern Annapurna (8091 m) und Dhaulagiri (8167 m). Auf diesem 10-tägigen Marsch konnten wir uns etwas an die immense Höhe anpassen, überschreitet man doch mit dem Thorung-La einen Pass, der immerhin 5200 Meter hoch liegt. Zudem hatten wir das einzigartige Vergnügen, auf relativ sichere Art und Weise eine der schönsten Regionen des Himalaya kennenzulernen.
Nach dieser Unternehmung ging es in die nepalesische Hauptstadt Kathmandu, um uns ein paar Tage zu erholen, Wäsche zu waschen, Sehenswürdigkeiten zu bewundern - leider aber ist Nepal inklusive der Himalaya-Metropole Kathmandu seit einigen Jahren alles anderes als friedlich, maoistische Rebellen sorgen immer wieder für Streiks, Ausgangsverbote, Überfälle und ähnliche Aufregungen. Reisen durch Nepal sind also alles andere als sicher. Das mussten auch Anita und ich feststellen, als wir am 16. April - aufgrund diverser Warnungen waren wir bereits um 4.30 Uhr mutterseelenallein auf der Straße unterwegs - fast in eine Bombe fuhren! Schon die ganze Zeit mussten wir Hindernisse wie umgefallene Bäume oder aufgeschichtete Steine umfahren, als plötzlich die komplette Straße durch mächtige Felsbrocken blockiert war. In einem kleinen Steinhaufen fand unser Fahrer ein paar Fetzen, die scheinbar etwas bedecken oder verstecken sollten. Der Fahrer tippte auf eine Bombe und drehte dankenswerterweise um.
Das Ende vom Lied war ein Helikoptertransport zur Ortschaft Kodari, von wo aus wir schließlich über die Grenze nach Tibet gelangten. Der Aufregungen noch nicht genug begann es in Nyalam plötzlich heftig zu schneien und das ohne Unterlass. Binnen drei Tagen fielen nicht weniger als ein Meter Schnee, völlig unüblich für diese Jahreszeit und Gegend, während vier Aufenthalten in dieser Region hatte ich Nyalam stets staubtrocken erlebt.

Annäherung

Es mutete fast wie ein Wunder an, dass es uns am 20. April dann doch noch gelang, den 5050 Meter hohen Lablung-Pass zu überqueren und ohne nennenswerte weitere Schwierigkeiten ins Basislager auf 5000 Meter zu übersiedeln.
Danach aber begann unsere Glückssträhne.
Schon nach einem Ruhetag fühlten wir uns fit für einen Tagesmarsch ins vorgeschobene Basislager (5600 m), wo wir noch einmal eine 2-tägige Ruhepause einlegten und zur ersten Attacke auf den Berg aufbrachen. In Begleitung eine 4-köpfige Partie aus Lettland, mit denen wir ausgezeichnet zusammenarbeiteten.

Beim Aufstieg

Unser Ziel, bereits beim ersten Angriff Lager 1 auf 6300 Meter zu erreichen schlug indes fehl - die Dimensionen der Entfernungen an der Shisha Pangma sind gewaltig und wir mussten uns kleinlaut mit einem Depot am Rand des Gletschers zufrieden geben.
Der nächste Tag zeigte sich trüb mit Schneefall und wurde mehr oder weniger unwillig im Lager verbracht. Danach aber wieder Schönwetter, das wir in den darauffolgenden vier Tagen nutzten, um sowohl Lager 1 als auch das 6850 m hoch gelegene Lager 2 unterhalb des Jabukangjale, eines 7080 Meter hohen Nebengipfels, zu errichten. Danach wieder zwei wohlverdiente Ruhetage.
Die ruhelosen Letten indes bauten schon am zweiten Rasttag ein weiteres Lager auf 7140 Meter unterhalb des Gipfelaufbaues auf, das uns als Sturmcamp dienen sollte.
Während sich unsere Kameraden für ein paar Tage ins Basislager zurückzogen, blieben Anita und ich am Berg. Wir fühlten uns auf 6000 Meter wohl und hatten nicht die Absicht, vor dem Gipfelsturm noch einmal ins Basislager abzusteigen.
Als wir auch in Lager 2 und dem Sturmlager kaum gegen Atemnot und diverse andere höhenbedingten Probleme zu kämpfen hatten, wagen wir am 9. Mai den Gipfelangriff.

Am Gipfel

Bis jetzt war es am Berg verdächtig ruhig, zeitweise waren wir in den Hochlagern vollkommen alleine. Soll das der überlaufene Himalaya sein? Für den 9. Mai hatten allerdings sowohl vier Italiener als auch eine Horde älterer Japaner eine Gipfelattacke angekündigt. Die Italiener mit leichtem Gepäck und recht flott, die Japaner, gewohnt schwerfällig mit gewaltigem technischen Aufwand (so standen zum Beispiel jedem japanischen "Bergsteiger" 2 Sherpas und jede Menge Flaschensauerstoff zur Verfügung).
Um 3.00 Uhr in der Früh starten Anita und ich schließlich zum Sturm auf den Gipfel. Das Wetter windstill, die Temperaturen mäßig kalt (etwa minus 20 Grad). Der Anstieg durch das steile Eisfeld am Beginn der Gipfeletappe ist rasch bewältigt, ein Zeichen, dass wir wirklich gut akklimatisiert waren. Als wir den Grat erreichen, geht die Sonne auf. Ein Himmel wie frisch gewaschene Seide - optimales Gipfelwetter!
Recht schwerfällig klettern wir weiter und erreichen bald eine lange, schwierige Felspassage, nicht eben leicht auf 7500 Meter, aber wenigstens gut abgesichert. So geht es langsam aber stetig dem "Gendarm" auf 7800 m entgegen. Unsere Kräfte lassen langsam nach, zumal es jetzt fast windstill und unerträglich heiß wird.
Dann schließlich der Kreuzungspunkt bei der markanten Felsnadel des "Gendarmen" - sollten wir den Japanern folgen und uns mit dem Zentralgipfel zufrieden geben oder aber den schwierigen Quergang zum Hauptgipfel versuchen? Eine Spur deutete darauf hin, dass die Italiener wie angekündigt zum höchsten Punkt unterwegs waren.
Nach kurzer Absprache entscheiden wir uns für die gefährliche Traversierung - ohne Seilgeländer, nur mit Pickel und Steigeisen. Der Quergang wird dankenswerterweise nach etwa 100 Meter von einer Felsinsel unterbrochen und nimmt ihr einen Teil der Ausgesetztheit, obwohl der Anblick in den fast senkrechten Abgrund nach wie vor entsetzlich ist. Er beginnt als steile Schneeflanke und geht dann in einen grundlosen Seracabbruch über, ein Sturz wäre also wohl nur mit sehr viel Glück zu überleben. Die Situation oberhalb der Spur ist auch nicht sehr viel besser, hier wird die Gefährlichkeit bei Neuschneefällen noch verschärft, da schon einige Zentimeter ausreichen, um Lawinen entstehen zu lassen. Anita und ich queren langsam und vorsichtig zur Felsinsel, rasten kurz aus und machen uns dann auf den Weg, um das letzte Stück zu einem flachen Rücken in Angriff zu nehmen. Damit lag das gefährlichste Stück des Weges hinter uns.
Der Rücken geht dann in eine Folge von Hügeln über, die sich fast unendlich zum höchsten Punkt hin ziehen. Hier treffen wir auch auf die Italiener, die den Gipfel bereits hinter sich hatten. Nach einer kurzen Pause geht es durch sengendes Sonnenlicht weiter. Immer wieder denken wir: Gleich sind wir da ... Doch immer noch geht es irgendwo bergauf. Längst zeigt der Höhenmesser über 8000 Meter, dann noch einen kurzen, steilen Rücken rauf ... dann das Ende des vertikalen Geländes, nach jeder Seite fallen die Hänge abwärts, hier in die Südwand, dort zum Aufstiegsweg hin - Tiefe überall. Wir waren am Gipfel, ich hätte heulen können vor Erleichterung. Nach Everest (Bericht siehe unten), den ich als erster Burgenländer 2005 erklommen hatte, und Cho Oyu mein 3. Achttausender. Und Anita ist die erste Wienerin, der ein Achttausender gelingt - Hurra also! Flaggen, Küsse, Fotos ... jede Menge Patriotismus, danach mit schweren Beinen und brummenden Kopf zurück ins Tal, zu den Lebenden.

Hans Goger am Gipfel der Shisha Pangma

Rückkehr zu den Lebenden

Beim "Gendarm" schlägt dann das Wetter um, Schneetreiben, mitunter dichtester Nebel, der Marsch wird einmal mehr zur Qual. In der Felspassage überholen wir den Trupp Japaner. Die älteren Herren plagen sich durch das stürmische Wetter, einer wird bereits durch den Schnee geschliffen, da er zu erschöpft zum Gehen ist.
Am Gratende beruhigt sich dann das Wetter und wir steigen problemlos zum Zelt ab. Wieder auf 7000 Meter, die Luft kam einem fast dick vor. Schon bald darauf versinken wir in unseren Schlafsäcken in einen fast ohnmachtsähnlichen Schlaf.

Der nächste Tag verlangt uns noch einmal alle Mühe dieser Welt ab: In nur einem Durchgang räumten Anita und ich alle drei Hochlager und ziehen uns an einem einzigen Tag von Camp 3 auf 7140 Meter ins Basislager auf 5800 Meter zurück. Der ganze Tag eine einzige Schlepperei, beide marschierten wir unter der gewaltigen Last der Rucksäcke.
Bewundernswert Anitas Leistung, musste sie sich doch erst vor einem Jahr einer Bandscheibenoperation unterziehen!

Anita Maruna und Hans Goger

Die Sonne stand schon tief, als wir im Lager ankamen. Der Empfang durch die anderen Gruppen war herzlich, mehr als nur ein Bier floss durch unsere ausgedörrten Kehlen.

Nicht einmal drei Wochen hatten wir für die Besteigung der Shisha Pangma gebraucht, mit dem allerersten Aufgebot waren wir auf dem Gipfel gewesen, dazu ohne Sherpahilfe und ohne Flaschensauerstoff. Grund genug, um ein wenig stolz auf diese Leistung zu sein - Grung genug, um über weitere gemeinsame Projekte nachzudenken - den Nanga Parbat? Die Seven Summits? Den Mount Logan? Fortsetzung folgt ...

Der erste Burgenländer am Everest

2. Juni 2005: Erstmals die burgenländische Fahne am Gipfel des Mount Everest! Der Extrembergsteiger Hans Goger aus Wolfau im Südburgenland bezwang als erster Burgenländer den 8.850 Meter hohen Gipfel des höchsten Berges der Welt.

Hans Goger am Everest

Goger befand sich seit Mitte April im Himalayagebirge. Nach zwei Monaten zermürbendem Wartens im Basislager ermöglichte ein Wetterumschwung schließlich doch noch den Aufstieg und den Gipfelerfolg am 2. Juni vormittags. Am höchsten Punkt der Erde hisste er die burgenländische Fahne und das Gemeindewappen von Wolfau (Bezirk Oberwart). Die Tour hatte allerdings seinen Preis: Drei Zehen froren Goger ab.

Im Brotberuf ist der 40-jährige Goger Masseur im Rehab-Zentrum von Bad Tatzmannsdorf. Mit der Bergsteigerei begann er im Wechselgebiet und am Schneeberg. Goger ist Vater dreier Söhne.

Bilder:
Hans Goger