"Die
Donau blitzt aus tiefem Grund", schwärmt der wohl erste Aussteiger
der Weltliteratur, nämlich der Taugenichts aus Joseph von Eichendorffs
berühmter Novelle "Aus dem Leben eines Taugenichts".
Der Müllersohn kommt auf seiner Wanderung auch in Wien vorbei,
wie auch sein Schöpfer Eichendorff. Es kann durchaus gewesen sein,
dass der Dichter auch den Bisamberg bestiegen hat und sich vom Charme
seiner Landschaft inspirieren ließ. Trotzdem es nicht bewiesen
ist, nehmen wir es einmal an und tun so, als ob wir den Spuren des Taugenichts
folgten.
Der
Bisamberg bildet den nördlichen Pfeiler der sogenannten Wiener
Pforte, der markanten Verengung des Donautals. Die
Wege auf die kaum 360 m hohen Erhebung führen durch das größte
Weinbaugebiet der Bundeshauptstadt und ein Stück Weinviertel.
Anfahrt
& Aufstieg
Stammersdorf
(165 m) - Josef Flandorfer Straße - Luckenschwemmgasse
- Liebleitnergasse - Clessgasse - Neusatzgasse - Steinernes Kreuz -
Hagenbrunner Straße - Senderstraße - Unterer Senderrundweg
- Magdalenenhof - Eichdorffhöhe - Wirtshaus Gamshöhe
- Elisabethhöhe (358 m)
HU
ca.
200 m / GZ 2½ Stunden
Fliegt
der erste Morgenstrahl
Durch das stille Nebeltal,
Rauscht erwachend Wald und Hügel:
Wer da fliegen kann, nimmt Flügel!
Mit
dem "stillen Nebeltal" könnte Eichendorff die Wiener
Pforte gemeint haben, denn an einem Sonntag Morgen ist's selbst im sonst
so lebendigen Stammersdorf still, statt der Flügel nehmen wir an
der Endstation der Straßenbahnlinie 31 den Rucksack hoch und spazieren
eine Weile durch die Gassen von Stammersdorf. Vorbildlich restaurierte
Weinhauerhäuser, Schenken und verschlafene Heurige machen bewusst,
dass in Stammersdorf Weinkultur gelebt, ja zelebriert wird.
Sobald man die uralte Dorfkirche (erstmals erbaut 1478) passiert hat,
geht es schon durch die ersten Weingärten. Ein Keller reiht sich
hier an den anderen, manche mit einem hübschen Terrassengarten
drauf, andere von Schlingpflanzen beinahe zugewachsen. Ein paar Buschenschänke
wollen zu einem Umweg verführen, allerdings erst am Nachmittag.
Über die schummrigen Hohlwege hängen Hagebutten- und Hollerbüsche.
Die Farben grün, rot und violett bestimmen hier eindeutig das Gesicht
der Landschaft. Weiter oben reifen grüne und lila Trauben ihrer
Bestimmung entgegen, die sich in einem der vielen umliegenden Floridsdorfer
Heurigen in Bälde erfüllen wird.
Von
der Senderstraße, einem der schönsten und ältesten
Kellergassen Wiens, und dem UnterenSenderrundweg greift
der Blick schon weit über die Stadt. Maisfelder lösen nun
die Weingärten ab, ehe mit dem Weingut und Stadtheurigen Magdalenenhof
der erste Rast- und Kinderspielplatz wartet. Von dort sind es nur wenige
Minuten, ehe man am höchsten Punkt des Wiener Stadtwanderweges
Nr. 5 steht, der Eichendorffhöhe (2 Stunden). Ein Denkmal
am Rande einer weitsichtigen Lichtung erinnert an den Poeten und jenes
Lied aus seiner Novelle, zu dem er hier inspiriert wurde, wie man annimmt.
Die
Donau blitzt aus tiefem Grund,
Der Stephansturm auch ganz von fern,
Guckt übern Berg und säh' mich gern.
Rund
um das Denkmal eine große Lichtung mit Sitzbänken und jeder
Menge Rundumsicht von der Bundeshauptstadt bis zu den Kleinen Karpaten
und der Thebener Pforte.
An sich hat hier der Stadtwanderweg 5 bereits seinen höchstgelegenen
Wendepunkt erreicht. Wer noch Lust hat für eine etwa 1-stündige
Draufgabe, sollte sich den Weitermarsch zum Wirtshaus Gamshöhe
und dem eigentlich höchsten Punkt des Bisambergs, der Elisabethhöhe,
nicht entgehen lassen. Es wird kaum steiler, dafür aber waldiger.
Vom Eichendorff-Denkmal rot markiert Richtung "Bergheuriger Langer"
durch alten Mischwald und gut markiert bis zum WirtshausGamshöhe.
Von hier ist in wenigen Minuten die Elisabethhöhe (358 m)
erreicht, einer groß angelegten Lichtung mit Schaukeln, Rutschen
und einem famosen Ausblick auf Klosterneuburg, Donau, die nördlichsten
Kuppen des Wienerwaldes und den Südwesten von Wien. Die dort 1899
errichtete Elisabethsäule erinnert an die 1898 in Genf ermordete
Kaiserin Elisabeth von Österreich. Von ihr wird berichtet, dass
sie einst einen Ausflug auf den Bisamberg unternommen hätte und
von der herrlichen Aussicht entzückt gewesen sei. Ein Dichter und
eine Kaiserin vom Bisamberg begeistert - das will was heißen.
Auf der mit Spielplatz und vielen Bänken bestückten Lichtung
findet sich auch jene bunte Mischung von Bisamberg-Besuchern versammelt,
die dem Taugenichts durchaus ähnlich sind: Mountainbiker, Läufer,
Nordic Walker, Spaziergänger, Wanderer - allesamt Wochenend-Aussteiger,
denen ins Gesicht geschrieben ist: Der Bisamberg ist was Feines und
ich bin happy!
Und
sein Hütlein in die Luft
Wirft der Mensch vor Lust und ruft:
Hat Gesang doch auch noch Schwingen,
Nun so will ich fröhlich singen!
Wer
in das im Wald versteckte WirtshausGamshöhe einkehrt,
wird mit opulenter Hausmannskost und freundlicher Bedienung belohnt.
Als mir der Kellner den zu drei Stockwerken aufgetürmten Bauernschmaus
mit XXL-Knödeln serviert, meint er dazu: "So, der Herr,
Ihre Jaus'n bittschön ..."
Mit
etwas erweitertem Magen zur Eichendorffhöhe zurück
gerollt und am PromenadewegFalkenberg eine Lichtung entlang,
die reichlich Spielplatz (Falkenberg), freie Sicht und Rastplätze
bietet. Ein Picknick hier über der Großstadt kann zu einem
Erlebnis werden. Auf dem Rückweg fallen die aus dem Boden wachsenden
Weinfässer auf; sie sollen wohl daran erinnern, dass man sich durch
eine Weinbaugegend bewegt. Der Weg zieht dann gemächlich aus dem
Wald durch Maisfelder und das sog. Herrenholz, ein wichtiges
Naturelement sowie Schutz- und Lebensraum für viele Tierarten,
durch Kellergassen und das Zentrum von Stammersdorf wieder retour zum
Ausgangspunkt.
Bisamberg
Der Bisamberg bildet den nördlichen Pfeiler der sogenannten Wiener
Pforte, der markanten Verengung des Donautals und war schon in der Steinzeit
besiedelt, wie die in den 1950er-Jahren befundene "Venus vom Bisamberg"
beweist. Aber auch als Festungsberg beispielsweise gegen die Preußen
1866 und im Ersten Weltkrieg fand der Hügel Verwendung. Der Bisamberg
trägt das höchste Bauwerk Wiens, den 265 Meter hohen Sendmast.
Joseph
von Eichendorff
Joseph
von Eichendorff wurde am 10. 3. 1788 auf Schloss Lubowitz bei Ratibor
in Oberschlesien als Spross einer katholischen
Adelsfamilie geboren. Drei Jahre (1801-1804)
lebte er im Josef-Konvikt der Jesuiten in Breslau, bevor er ein Jurastudium
in Halle 1805/06 begann,
das er 1807/08 in Heidelberg fortsetzte. 1808 unternahm er eine Bildungsreise
nach Paris und Wien, von wo er 1810 nach Lubowitz zurückkehrte
und dort den Vater bei der Verwaltung der Güter unterstützte.
Den Winter 1809/10 verbrachte er in Berlin, besuchte Vorlesungen bei
Fichte und traf mit Arnim, Brentano und Kleist zusammen. In Wien setzte
er 1810 das Studium fort und schloss es 1812 ab. Er verkehrte mit dem
Philosophen Friedrich Schlegel, diente in der preußischen Armee
und nach seiner Entlassung begann er eine Karriere in preußischen
Staatsdiensten: Regierungsrat, Oberregierungsrat, Mitglied der preußischen
Regierung, Mitglied des Kultusministeriums in Berlin. Eichendorff
starb am 26. November 1857 in Neisse (heute Nysa in Polen) und liegt
dort zusammen mit seiner Frau auf dem Friedhof begraben.
Die
Novelle "Aus dem Leben eines Taugenichts"
Die Sehnsucht nach der Ferne und der väterliche Unmut führen
einen Müllersohn dazu, in die Welt hinauszugehen, in der er sein
Glück finden will. Mit
seiner Geige streift er ziellos umher und lässt sich von Zufällen
und Abenteuern bestimmen. Als erstes kommt er auf ein Schloss in der
Nähe von Wien. Dort wird er Gärtnerbursche und später
Zolleinnehmer. Er verliebt sich in Aurelie, eine der "schönen
Damen" des Schlosses. Ihre Unerreichbarkeit treibt ihn jedoch dazu,
seine Wanderung fortzusetzen. Sein
Weg führt ihn nach Italien, wo er sich in eine bunte und geheimnisvolle
Kette von Liebeleien unter verkleideten Gräfinnen, Bauern, Malern
und Musikanten verwickelt, bis er aus Sehnsucht nach der Heimat und
nach Aurelie Rom verlässt. Mit
einer Schar musizierender Studenten aus Prag kehrt er auf einem Donauschiff
zum Schloss zurück und erfährt,
dass Aurelie keine Gräfin, sondern eine Nichte des Schlossportiers
ist und ihn liebt. Nachdem
sich alles aufgeklärt hat, heiratet er Aurelie.
"Schweigt
der Menschen laute Lust!
Rauscht die Erde wie in Träumen
Wunderbar mit allen Bäumen,
Was dem Herzen kaum bewusst,
Alte Zeiten, linde Trauer,
Und es schweifen leise Schauer
Wetterleuchtend durch die Brust."
Schwierigkeiten:
Keine
Höhenmeter:
Etwa
200 in Auf- und Abstieg
Gesamtgehzeit:
ca.
4,5 Stunden
Beste
Jahreszeit:
Selbst
im Winter jederzeit möglich
Kinder:
Eine
Menge Spielmöglichkeiten machen den Spaziergang für Kinder
kurzweilig. Bei warmen Wetter wäre auch ein Picknick auf der
Elisabethhöhe eine attraktive Erweiterung.