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Thomas Rambauske: Wienerwald-Abenteuer

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Weiße Hölle Weißsee

Zwangsarbeit in 2.300 m Höhe

Von Dr. Nicole Slupetzky
Weiße Hölle Weißsee

Weißsee, ein Nebenlager des KZ Dachau

Die Baustellen im Stubachtal unterstanden zwar der Deutschen Reichsbahn, die Arbeiten wurden jedoch von einer Arbeitsgemeinschaft durchgeführt. Für öffentliche Bauträger wie die Deutsche Reichsbahn war es zumeist üblich, private Firmen für den Bau zu engagieren. Die Arbeitsgemeinschaft Stubachwerke bestand aus mehreren Einzelfirmen, wobei die Union-Baugesellschaft "Universale - Hoch-TiefbauaktiengeseIlschaft" maßgeblich beteiligt war und das Gesamtprojekt leitete.
Von Beginn an war klar, dass Baustellen von der Größe des Weißseespeichers mit allen dazugehörenden Baustellen eine große Zahl an Arbeitern benötigen würde. Im Gegensatz zu Kaprun, wo sich zwei "Judenlager" für den Bau der Kraftwerke befanden, wollte sich die Arbeitsgemeinschaft Stubachwerke nicht auf jüdische Arbeiter stützen. Erst als der Wiener Reichskommissar Joseph Bürckel beim Präsidenten der Zweigstelle "Ostmark" des Reichsarbeitsministeriums, Friedrich Gärtner, anfragen ließ, wie sich der Einsatz arbeitsloser Juden aus der Ostmark entwickeln würde, änderte die Arbeitsgemeinschaft ihre Meinung. Die Arbeitsgemeinschaft Stubachwerke erklärte sich bereit, zunächst versuchsweise 30 Juden zu beschäftigen.(21) Bis Ende Mai stieg jedoch die Zahl jüdischer Arbeiter auf 61.(22) Für den Weiterbau war diese Zahl bei weitem zu wenig. Deshalb trat die DRB am 3. Mai 1939 mit folgender Bitte an den Gauleiter Salzburgs:

"Wir bitten dringend, dass auch von Ihnen den beteiligten Landesarbeitsämtern Salzburg und Innsbruck und den nachgeordneten Arbeitsämtern nachdrücklich die staatspolitische Wichtigkeit und damit Dringlichkeit und Unaufschiebbarkeit dieser Baumaßnahmen klargelegt wird. Wir bitten ferner, auf diese Landesarbeitsämter einzuwirken, dass alle irgendwie verfügbaren oder freizumachenden Arbeitskräfte, wenn nötig unter Umständen Ausländer (Italiener oder Jugoslawen) oder auf dem Wege der Verpflichtung uns bzw. den ausführenden Firmen zugewiesen werden."(23)

Für rund 365 Arbeiter wurde für die Stubachwerke Sofortbedarf angemeldet, denn die Bauleitung wollte die Pläne so rasch als möglich ausführen.

Für viele änderte sich später das freiwillige Dienstverhältnis zu einem erzwungenen.

Von Anfang an gab es hier einen sehr hohen Ausländeranteil unter den Arbeitern, wobei es sich aber nicht immer um Zwangsarbeiter handeln musste. Einige, vor allem Italiener, waren freiwillig gekommen. So waren rund 29% zwischen 1939 und 1941 Ausländer, unter denen die Italiener mit knapp 13 % die größte Gruppe darstellten, aber auch Jugoslawen, Slowaken, Tschechen usw. standen im Einsatz. Für viele änderte sich später das freiwillige Dienstverhältnis zu einem erzwungenen.(24) Mit Kriegsbeginn kamen verstärkt Kriegsgefangene in die Region. Im Lagebericht vom 2. Februar 1940 des Landrates Zell am See war zu lesen, dass 50 Slowaken und 75 kriegsgefangene Polen beim Bau der Stubachwerke beschäftigt wurden.(25) Die Zahl sollte im Laufe des Krieges noch stark ansteigen. Für die Unterbringung der Arbeiter war gesorgt, das gesamte Stubachtal war mit Barackenbauten versehen worden. Sowohl in Uttendorf als auch in Wirtenbach, Wiesen, Fellern in der Schneiderau, am Enzingerboden, am Tauernmoos und am Weißsee wurden solche Bauten errichtet. Am 22. März 1942 befanden sich 153 Angehörige fremder Nationen beim Bau der Stubachwerke im Einsatz: 85 Italiener, 30 Kroaten, 12 Ungarn, 18 Slowaken, 5 Tschechen und 3 Staatenlose. Schon vier Wochen später wurde diese Zahl um ca. 45 Mann erhöht.(26)
Die Lebensumstände für die Arbeiter waren je nach Einsatzort unterschiedlich schwer. Am beschwerlichsten war es für jene, die im Bereich des Weißsees eingesetzt waren, denn die Rudolfshütte befand sich in hochalpinem Gelände in 2.300 m Höhe.

In der Geländemulde neben der (alten) Rudolfshütte war Platz für die Aufstellung von Baracken für etwa 350-400 Arbeiter. Die Hütte wurde weiterhin auch für Alpinkurse, für die Hitlerjugend und andere NS-Organisationen genutzt.

Schon in den ersten Plänen von 1939 war ein Barackenlager in dieser Höhe vorgesehen. In der Geländemulde neben der (alten) Rudolfshütte war Platz für die Aufstellung von Baracken für etwa 350-400 Arbeiter.(28) Allerdings mussten diese erst errichtet werden.
Ein Teil jener Arbeiter, die für die Errichtung der Baracken und der Vorarbeiten für den Stollenbau kamen, wurde täglich vom Tal mit der sogenannten "Bleichert" herauf- befördert, was ein ziemlich abenteuerliches Unterfangen war. Die "Bleichert", der Name der Firma, war eigentlich nur als Materialseilbahn konzipiert, wurde aber auch für Personentransporte genutzt, wie das ein Foto (Abb. 8) und mehrere Zeugenaussagen bestätigten. Die Seilbahn bestand aus primitiven, großen Kisten, in denen bis zu sechs Mann Platz fanden.(29)
Andere wiederum wurden in der Rudolfshütte untergebracht. Immerhin konnten hier bis zu 70 Personen Unterkunft finden. Die Hütte wurde weiterhin auch für Alpinkurse für die Hitlerjugend und andere NS-Organisationen genutzt, Privatleute konnten hier übernachteten. Zu den prominentesten Gästen gehörten Heinrich Harrer, der sich auf seine Tibetreise vorbereitete und Louis Trenker, so der Sohn der Wirtsleute, Louis Wurnitsch. Auf Grund dieser Öffentlichkeit wurde die Anzahl der Zwangsarbeiter, die in der Rudolfshütte lebten, gering gehalten. Die Zahl der in der Rudolfshütte untergebrachten Arbeiter bezifferte Wurnitsch mit circa 20, darunter Serben und Russen. Die Arbeiter mussten für die Reichsbahn die im Freien befindlichen Anlagen vom Schnee befreien.(31)

Weg zur Rudolfshütte
Auf dem Weg zur Rudolfshütte (36)

Weiterhin war das Hauptziel, den Ausbau der Stollenanlagen für den Kraftwerksbau voranzutreiben, weshalb mehr Arbeiter an Ort und Stelle benötigt wurden. Zu diesem Zweck wurde das erste Arbeitslager mit einer Wohnbaracke im Gebiet des Weißsees errichtet.

Zu den prominentesten Gästen gehörten Heinrich Harrer und Louis Trenker.

Parallel zu dieser Baracke wurde das Lager bei der Tauernmoossperre wieder aktiviert, das für den Bau der Staumauer in der Zwischenkriegszeit genutzt worden war. Bereits ab 1939 wurden hier die ersten Kriegsgefangenen untergebracht, wobei es sich um Polen und ab 1941 auch um Russen handelte. Einerseits war es notwendig, die Staumauer vor eventuellen feindlichen Angriffen zu schützen. Für diesen Zweck wurden zwischen 1939 und 1942 sechs Maschinengewehrnester (eines besteht heute noch) errichtet, die bis zum Ende des Krieges besetzt blieben. Andrerseits hatte die Deutsche Reichsbahn dem Alpenverein versprochen, den Weg vom Tauernmoos zur Rudolfshütte auszubauen. Dafür kamen ausschließlich Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene zum Einsatz.

Wegarbeiten
Wegarbeiten zwischen Tauernmoos und Rudolfshütte (33)

Diese Arbeiten erfolgten keineswegs in großer Abgeschiedenheit, aber unter starker Bewachung. Zeitzeugen berichteten von ausgemergelten Gestalten, die von Uniformierten ständig überwacht wurden.(34)
Dennoch versuchte manch einer, den hungernden Zwangsarbeitern etwas Essen zuzuschieben. Ein Zeitzeuge aus Uttendorf, damals noch ein Kind, schilderte einen solchen Versuch. Unterwegs zu einer Bergtour gemeinsam mit seinem Vater hatte man Brot mitgenommen. Während der Vater die Wachposten im Auge behielt, schlich sich der Junge an zwei polnische Zwangsarbeiter heran und steckte ihnen das Brot zu.(35) Man hatte die Hoffnung, dass die Aufseher mit dem Jungen nachsichtiger umgehen würden, sollte er ertappt werden. Derartige Mitmenschlichkeit bekamen die Zwangsarbeiter allerdings selten zu spüren. Die meisten Wanderer und Bergsteiger, die an diesem Weg entlang kamen, nahmen kaum Notiz von den unter Zwang arbeitenden Menschen.
Die Wegarbeiten am Tauernmoossee wurden zwar weiterhin fortgesetzt. Die Energie- verknappung war aber mittlerweile im gesamten Deutschen Reich zu spüren, weshalb die Energiegewinnung im Vordergrund der Bemühungen stand und die DRB größtes Augenmerk auf die Wassernutzung des Weißsees legte. Um eine Senkung des Seespiegels zu erreichen, wurde nun der Stollenbau vorangetrieben, wo massiv Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene zum Einsatz kamen. Die wenigsten hatten Erfahrung im Stollenbau gesammelt.

StolleneingangSprengmittelmagazin
Stolleneingang (37), Reproduktion SLA - Sprengmittelmagazin

Trotz extremer Schneemassen - 12 Meter - wurde unter Tage kontinuierlich weitergearbeitet.

Der Winter 1941/42 stellte sich als besonders hart heraus. Trotz extremer Schneemassen - 12 Meter - wurde unter Tage kontinuierlich weitergearbeitet, bis im März 1942 der Durchbruch des ersten Stollens möglich wurde. Diesem Augenblick wurde immense propagandistische Bedeutung zugemessen. Trotz schlechtester Wetterbedingungen wurde jeder Schritt von der Setzung des Sprengsatzes bis zum FilmarbeitenDurchbruch des Stollens für Propagandazwecke filmisch dokumentiert und fotografiert.
Auf Grund des schlechten Wetters erfolgten die offiziellen Feierlichkeiten, der zahlreiche Gäste beiwohnten, zu einem späteren Zeitpunkt. Sogar die Trachtenmusikkapelle Uttendorf wurde eingeladen, um für die musikalische Umrahmung zu sorgen.
Nach dem Durchbruch des ersten großen Stollens konzentrierten sich die baulichen Anstrengungen in einem immer stärkeren Ausmaß auf die Errichtung des Weißseespeichers. Für diesen Zweck wurden nun in der Geländemulde in unmittelbarer Nähe der Rudolfshütte, an jenem Standort, wo man es bereits 1939 geplant hatte, Unterkünfte errichtet.

Durchbruch des Ödenwinkelstollens
Feierlichkeiten beim Durchbruch des Ödenwinkelstollens mit der TMK

Obwohl in einem Schreiben der Union Baugesellschaft im Oktober 1942 angekündigt wurde, dass die Arbeiten über den Winter eingestellt werden würden, entsprach dies nicht der Wahrheit. Im Herbst 1942 wurde eine Wohn- und Kanzleibaracke aufgestellt, der bis zum Frühjahr noch weitere Baracken folgten. Einerseits wurden vom Tal - z.B. Enzingerboden - Baracken zum Weißsee gebracht und oberhalb der Rudolfshütte wieder aufgebaut. Die bereits seit 1939 bestehende Wohnbaracke wurde abgetragen und ebenfalls dort aufgebaut.(39) Im Frühjahr 1943 war nun Platz für rund 400 Arbeiter in insgesamt drei Wohnbaracken. Diese wurden mit einem massiven Stacheldraht umzäunt, um jegliche Fluchtversuche zu verhindern.

Unterkunft der Arbeiter
Unterkunft der Arbeiter (40)

Bis 1943 waren im Stubachtal und am Weißsee hauptsächlich zivile Ausländer, vor allem Ukrainer und StubachtalPolen, aber auch russische Kriegsgefangene im Einsatz. Im Jahr 1943 wurden vermehrt auch Strafge-fangene.(a) Im Herbst wurde die Verlegung von Strafgefangenen von der Strafanstalt Bernau/Chiemsee in das Stubachtal genehmigt. Für die Bewachung dieser Gefangenen wurden weitere fünf Wachmannschaften der Strafanstalt zur Verfügung gestellt. Am 29. November 1943 waren bei der Arbeitsgemeinschaft Union - Universale 55 von hundert Arbeitern Strafgefangene, hauptsächlich Deutsche und Tschechen.(41)
Dann veränderte sich allerdings diese Konstellation, einhergehend mit der Kriegswende zugunsten der Alliierten wurde es zunehmend schwieriger genügend Arbeiter zu bekommen. Daher änderte man die Strategie, das Lager wurde zu einem selbständigen Nebenlager des Konzentrationslagers Dachau. Von dort wurden nun auch die Arbeitskräfte zum Weißsee gebracht.

Der Arbeitseinsatz von KZ-Insassen kam den Firmen billiger, da sie diese Arbeiter nicht versichern mussten.

Der Arbeitseinsatz von KZ-Insassen kam den Firmen billiger, da sie diese Arbeiter nicht versichern mussten. Nach 1943 ging die Zahl der Versicherungen einzelner Arbeiter bei der Salzburger Gebietskrankenkasse massiv zurück.
Bei den aus Dachau stammenden Arbeitern handelte es sich überwiegend um Franzosen und Belgier, aber auch um politische Häftlinge aus Österreich. Dem Arbeitskommando Weißsee waren insgesamt 450 Arbeiter unterstellt, die allesamt in den drei Baracken untergebracht waren. Bewacht wurden sie sowohl von Mitgliedern der SS als auch von Wehrmachtsangehörigen. Als Lagerführer wurde seinerzeit ein ehemaliger Wehrmachtsangehöriger namens Bischof eingeteilt und als Chef der SS-Bewachungseinheit ein Mann namens Maier.(43) Die Arbeiter wurden in Gruppen von 10 bis 15 Mann aufgeteilt und einem deutschen Vorarbeiter unterstellt, der dafür zuständig war, dass die Arbeiten zügig vorangingen. Zu diesem Zweck wurden diese auch bewaffnet.(44)
Das Unternehmen "Stausee Weißsee" wurde unaufhörlich vorangetrieben. Im September 1943 wurde ein weiterer Antrag zum Ausbau des Kalser- und des Sonnblickstollens gestellt. Allerdings hatte sich die wirtschaftliche Lage stetig verschlechtert, weshalb anderen Projekten Vorrang gegeben wurde. Die Bauarbeiten am Kalser Stollen zwischen Tirol und Salzburg wurden bei einer Länge von 754 Metern eingestellt, erst nach dem Krieg 1947 wurde dieser fertiggestellt.(45)
Die Arbeit für die Gefangenen ging dennoch nicht aus. Um genügend Material zum Ausbau und zur Stabilisierung der Stollen zu haben bzw. um die Wege auszubessern, wurde ein Steinbruch eingerichtet, in dem ausschließlich KZ-Insassen Schwerstarbeit verrichten mussten. Obwohl die Schließung des Lagers vom Internationalen Suchdienst mit Dezember 1944 datiert wurde, erfolgte die tatsächliche Schließung im April 1945, denn erst am 6. April beschloss die DRB die Durchführung ihres Bauvorhabens bis zum Kriegsende zurückzustellen.(46)
Zur offiziellen Auflösung des Lagers kam es nicht mehr, da bereits vier Wochen später der Krieg zu Ende war und am 8. Mai 1945 die ersten amerikanischen Truppen in der Gemeinde Uttendorf einmarschierten und alle dort befindlichen Lager befreiten.(47)
Text:
Dr. Nicole Slupetzky
Bilder:
Privatsammlung Univ. Prof. Dr. Heinz Slupetzky / DI Rainer Kühne

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