Gerlinde
Kaltenbrunner schreibt als Bergsteigerin österreichische Alpingeschichte.
Neun Achttausender Hauptgipfel hat sie in ihrer bergsteigerischen Karriere
bereits erfolgreich bestiegen. Und "Cinderella Caterpillar",
wie sie von einem Mann genannt wurde, an dem sie am Nanga Parbat leichtfüßig
vorbeizog, will mehr.
Die
am 13. 12. 1970 geborene Bergsteigerin aus Spital am Pyhrn ist die erste
Frau, die neun 8000er bezwungen hat - und das jeweils ohne künstlichen
Sauerstoff!
2004 erreicht Gerlinde Kaltenbrunner mit ihrem Freund und Seilgefährten
Ralf Dujmovits den Gipfel der AnnapurnaI(8.091
m) und
des Gasherbrum I (8.068 m) im Karakorum.
Die in
der Sportbekleidungsindustrie tätige Alpinistin schaffte 2003 den
Nanga Parbat - als erste Österreicherin.
Vor ihrem achten Achttausender war sie 1994 am Broad Peak (8.041
m), 1998 am Cho Oyu (8.201 m), 2000 am Shisha Pangma Zentralgipfel
(8.013 m), 2001 auf dem Makalu (8.463 m) und schafft 2002 mit
dem Manaslu trotz äußerst schlechter Bedingungen und
ohne Zuhilfenahme von künstlichem Sauerstoff ihren fünften
Achttausender.
Kaltenbrunner,
eine eher nachdenkliche, stille Frau, die ungern mit Superlativen bedacht
wird, wird nicht müde, zu betonen: "Bergsteigen ist für
mich kein Wettkampf. Es ist mein Leben." Das Interesse für
das Bergsteigen erwachte schon in jungen Jahren, den zündenden
Einstieg in die Welt der Berge bewirkte der Pfarrer ihrer oberösterreichischen
Heimatgemeinde Spital am Pyhrn - Dr. Erich Tischler: "Die Leute
konnten nicht so schnell aus der Kirche draußen sein, wie wir
auf den Bergen", so Gerlinde Kaltenbrunner. Tischler nahm Gerlinde
nach der sonntäglichen Messe auf zahlreiche Bergtouren mit
zunächst auf die heimischen Berge rund um die Heimatgemeinde wie
den Großen Phyrgas, wo ihre Liebe zum Bergsteigen entflammte.
Im
Alter von 13 Jahren, während ihrer Ausbildung in der Skihauptschule
Windischgarsten, unternahm Gerlinde Kaltenbrunner erste leichte Klettertouren
am heimischen "Sturzhahn", die auch ihre Kletterbegeisterung
weckten und den Weg zum Alpinismus ebneten. Überdies gehörte
sie als Jugendliche zu Österreichs besten Skifahrerinnen ihrer
Altersklasse, mit 14 jedoch verließ sie das Sportinternat in Windischgarsten,
weil sie sich dagegen sträubte, in ihren Freundinnen auf der Piste
plötzlich Konkurrentinnen zu sehen - so hatten es ihre Trainer
verlangt. "Für mich waren immer nur meine eigenen Ziele
wichtig", sagt Kaltenbrunner, "und deshalb kenne ich
beim Bergsteigen auch keine Gegnerin."
In den kommenden Jahren lässt sie keine Gelegenheit zum Bergsteigen
aus. Ski-, Eis- und Klettertouren in den Dolomiten entwickelten sich
zu ihrem Hauptinteresse, das sie neben ihrer beruflichen Ausbildung
zur Krankenschwester in Oberösterreich und Wien mit ganzer Leidenschaft
auslebte - "Oben sitzen und runter schaun, taugte mir!".
Mit 16 weckt ein Dia-Vortrag über den K2 den Traum vom Karakorum
und davon, die imposantesten Giganten der Welt einmal von unten sehen.
Ihre klettertechnische Meisterprüfung legte sie an der Matterhorn-Nordwand
ab, ihr größter Traum einen Achttausender zu besteigen
ging im Alter von 23 Jahren mit der Besteigung des Broad Peak-Vorgipfels
(8.027 m) in Pakistan in Erfüllung. Seither lässt sie der
Gedanke an die hohen und höchsten der Berge nicht mehr los. In
den folgenden Jahren investierte sie das Gehalt, das sie als Krankenschwester
ersparte, in verschiedene Trekking- und Bergsteiger-Expeditionen ins
Himalajagebiet. Nach der Besteigung des Nanga Parbat 2003 als ihrem
fünften Achttausender-Hauptgipfel verschrieb sie sich voll und
ganz dem Profibergsteigen.
Bergsteigen ist für mich kein Wettkampf. Es ist mein Leben.
Manaslu
2002: Gleich zu Beginn der Expedition machte die Extremalpinistin
Bekanntschaft mit den berüchtigten Gewittern des Manaslu, die alljährlich
viele Menschenleben fordern. Pickel und Skistöcke surrten vor elektrischer
Spannung, in der Luft lag gespenstisches Licht. Es folgten vier Tage
ununterbrochenen Schneefalls, der die Zelte zerstörte. Die Ebenseerin
musste von einer australischen Crew ein Ersatzzelt erwerben. Beim weiteren
Anstieg verrichtete sie im hüfthohen Schnee beinharte Spurarbeit.
Für Kaltenbrunner zählten diese 1000 Höhenmeter zu den
härtesten Prüfungen ihrer Alpinistenkarriere.
Nachdem
im Lager mehrere Tage lang der Abgang der bedrohlichsten Lawinen abgewartet
worden war, rüstete sich die 31-Jährige bei besseren Witterungsbedingungen
für das große Finale: den Anstieg über das so genannte
Naike Col und den Nordsattel auf den Gipfel.
Am
10. Mai um Mitternacht bricht Gerlinde Kaltenbrunner auf und erreicht
schließlich ohne größere Komplikationen das 8.163 Meter
hohe "Dach" des Manaslu. "Ich war richtig happy, und
mir ging es so gut, dass ich zwei Stunden lang ein großartiges
Gipfelgefühl genoss", erzählt die junge Frau.
Beim
Abstieg ins Basislager ereignete sich jedoch ein dramatischer Zwischenfall:
In 7800 Metern Höhe war ein deutscher Bergsteiger abgestürzt.
Kaltenbrunner und ein Schweizer Bergführer starteten eine Rettungsaktion
für den schwerverletzten und bewusstlosen Mann und retteten ihm
damit das Leben.
Die
extreme Kälte, der Sauerstoffmangel - es kommen viele Sachen zusammen,
gegen die man ankämpfen muss. Aber mit einer guten inneren Einstellung
geht das.
Am 20.
Juni 2003 erreicht mit Gerlinde Kaltenbrunner schließlich
die erste Österreicherin den Gipfel des Nanga Parbat. Rund
10 Stunden anstrengende Spurarbeit durch die Steilrinnen des Gipfeltrapezes
waren notwendig, bis Gerlinde Kaltenbrunner und ihr Partner Iñaki
Ochoa den höchsten Punkt des Nanga Parbat betreten konnten.
Ein Berg, den sie übrigens für den schönsten der 8000er
hält ob seiner Wiesen, die bis knapp vor den Einstieg reichen,
und seiner geraden Routenlinie.
Auch
das Jahr 2005 ein überaus erfolgreiches: Als erste Frau durchsteigt
Kaltenbrunner die Shisha Pangma über die gesamte Südwand
- "Shitty rock!" (Zitat Kaltenbrunner bei einem
ihrer Vorträge), natürlich in lupenreinem Alpinstil. Mit dabei
ihr oftmaliger Tourenbegleiter Ralf Dujmovits und der 34-jährige
Japaner Hirotaka Takeuchi, der ebenfalls bereits auf sechs 8000er verweisen
kann.
Nach 6 Tagen Aufstieg und 4 Wandbiwaks unter größtenteils
schwierigen Wetterbedingungen erreichen die drei am 7. Mai 2005 den
Hauptgipfel des 8000ers.
Daran anschließend
sollte noch der Mount Everest über eine Route begangen werden,
die noch nie zuvor von einer Frau bezwungen wurde: über die Nordroute.
Als Takeuchi jedoch in 7650 Metern Höhe eine Hirnödemattacke
erleidet, behält die examinierte Krankenschwester die Nerven und
beweist, dass sie keine von Ehrgeiz getriebene Rekordjägerin ist.
Während es draußen stürmt, betreut Kaltenbrunner den
blutspuckenden und unter heftigsten Kopfschmerzen stöhnenden Takeuchi
- und rettet ihm damit das Leben. Nach durchwachter Nacht
geleiten Kaltenbrunner und Dujmovits, den höchsten Gipfel der Erde
fast greifbar vor sich, Takeuchi zurück in ein vorgeschobenes Basislager
auf 6300 Meter Höhe.
Menschliche Größe also statt kompromisslosem Gipfelstreben:
"Es war für uns ein großer Erfolg am Shisha Pangma
bei sehr besch...eidenem Wetter nach der Durchsteigung der direktesten
Südwandlinie noch eine Überschreitung des Berges anhängen
zu dürfen. Jetzt am Everest umkehren zu müssen, um einem Freund
das Leben zu retten, macht uns nochmals unendlich reicher.",
so Ralf Dujmovits im Expeditionstagebuch auf www.amical.de.
Am
Everest umkehren zu müssen, um einem Freund das Leben zu retten,
macht uns nochmals unendlich reicher.
Kaltenbrunner
hat jedoch noch immer nicht genug, peilt ihren nächsten Achttausender
an, den Gasherbrum II. Am 21. Juli erreicht sie auch den höchsten
Punkt des 8035 Meter hohen Giganten - und ihres neunten Achttausenders.
Für die letzten 200 Höhenmeter waren wegen des extrem tiefen
Schnees über 5 Stunden Spurarbeit notwendig. Um über den ausgesetzten
Gipfelgrat zum höchsten Punkt zu gelangen, musste Gerlinde im Reitsitz
einen Teil der Gipfelwechte abgraben. Um 14:45 Uhr erreicht sie bei
schönstem Wetter mit der starken Italienerin Christina und dem
Italiener Mario ihr Ziel.
Am 14.
Mai 2006 erreicht Gerlinde schließlich ihren neunten Achttausender-Hauptgipfel.
"Das Gefühl war gigantisch, über allen anderen Gipfeln
zu stehen. Wir waren alle mehr oder weniger sprachlos vor Glück",
schwärmt Gerlinde Kaltenbrunner über ihren Gipfelsieg am nepalesischen
Kangchendzönga, 8586 m.
Damit ist die Extrembergsteigerin mit nunmehr insgesamt neun bestiegenen
Achttausender-Hauptgipfeln die erfolgreichste Höhenbergsteigerin
der Welt. "Der Weg zum Gipfel bot sehr, sehr viel Felskletterei,
mehr als ich mir erwartet hatte. Als wir nach der Kletterei ein Depot
erreichten, dachten wir uns bereits in Gipfelnähe. Den erreichten
wir allerdings erst nach weiteren drei Stunden um 16.30 Uhr",
erzählt Kaltenbrunners Lebensgefährte Ralf Dujmovits.
Am Gipfel! Bilder: Veikka Gustafsson
Mit von der
Partie der Gipfelbesteiger waren außerdem noch der Finne Veikka
Gustafsson, der Japaner Hirotaka Takeuchi und der Australier Andrew Locke.
Ihre Route zum Gipfel des Kangchendzönga übersetzt die
"Fünf Schatzkammern des großen Schnees" über
die anspruchsvolle Route der Erstbegeher erfolgte im Alpinstil
ohne Fixseile, Hochträger und zusätzlichem, künstlichem
Sauerstoff. "Der Alpinstil ist für mich die schönste
und ehrlichste Form des Bergsteigens", so die 35-jährige
über ihre Bergphilosophie. 2007: Gerlinde Kaltenbrunner scheitert am Dhaulagiri (8167
Meter). Und darf noch von Glück sprechen: "Ich weiß nicht,
wieso ich überlebt habe", so Gerlinde Kaltenbrunner nach den
dramatischen Ereignissen des 13. Mai. Am Nachmittag des Vortages erreichte
sie mit den Spaniern Santiago Sagaste, Ricardo Valencia und Javi Serrano
Lager II auf 6650 Meter, einen Platz, der als lawinensicher galt. Gegen
9 Uhr - Kaltenbrunner war gerade mit Schneeschmelzen im Zelt beschäftigt
- die Lawine. Das wars! Jetzt ist alles vorbei!
- so Kaltenbrunner in ihrem Bericht. "Ich hatte noch einen kleinen
Raum. So konnte ich atmen und mich wenigstens noch ein bisschen bewegen.
Mit meinem Messer, das ich am Sitzgurt hatte, schnitt ich das Zelt auf
und kam hinaus." Auch Javi überlebt, während Sagaste
und Valencia unter etwa zwei Meter Schnee begraben werden.
Interview,
LAND DER BERGE 2003
Land
der Berge: Wie erlebst du als Frau die männerdominierte Welt
des Bergsteigens?
Kaltenbrunner:
Als Frau musst du anfangs mehr Leistung bringen, um voll akzeptiert zu
werden. Mittlerweile kennen mich viele Bergsteiger und respektieren mich
auch mehr als früher. Leider gibt es nicht viele Höhenbergsteigerinnen,
und daher freue ich mich jedes Mal, wenn ich eine treffe.
LdB:
Willst du alle Achttausender besteigen?
Kaltenbrunner:
Im Hinterkopf hab ich das schon. Wahrscheinlich auch deswegen, weil bis
jetzt immer alles gut gegangen ist. Es wird sicher auch Zeiten geben,
in denen ich nicht gleich beim ersten Versuch Erfolg habe. Ich möchte
einen nach dem anderen versuchen, aber sicher nicht mit Gewalt. Die Gesundheit
geht auf jeden Fall vor. Ich bin schon alle 8.000er im Kopf durchgegangen
und lese sehr viel darüber. Jeder einzelne hat seinen Reiz, seine
schönen, aber auch seine abweisenden Seiten.
Ich
habe bei einigen Frauen beobachtet, dass sie die Höhe sehr gut vertragen.
Es könnte sein, dass Frauen besser in ihren Körper hineinhören
und diesbezüglich sensibler sind als Männer.
LdB:
Wird beim ,,8.000er-Sammeln" nicht die Anzahl der Gipfel wichtiger
als die individuelle Bedeutung des jeweiligen Berges?
Kaltenbrunner:
Überhaupt nicht. Ich suche mir den Berg danach aus, wie er mich anspricht.
Ich denke mir nicht, ich muss jetzt den fünften oder sechsten schaffen.
Stattdessen setze ich mich immer sehr intensiv mit dem Berg auseinander,
den ich mir zum Ziel gesetzt habe. Es geht mir um das persönliche
Erlebnis.
LdB:
Bei dir hat man den Eindruck, Kopfschmerzen sind ein Fremdwort für
dich.
Kaltenbrunner:
Zu Beginn am Broad Peak hatte ich einmal starke Kopfschmerzen und musste
Aspirin nehmen. Das war das einzige Mal. Das Kopfweh kann man sich richtig
wegtrinken. Ab einer gewissen Höhe trink ich so viel ich kriegen
kann. Dadurch habe ich zum Glück nie Kopfweh.
LdB:
Hast du ein Erfolgsgeheimnis?
Kaltenbrunner:
Ich achte immer auf eine gute Akklimatisation. Und ich kann mich super
auf mein Ziel einstellen. Wenn ich andere Bergsteiger beobachte, habe
ich oft das Gefühl, dass sie mit aller Gewalt hinauf wollen. Natürlich
fahre ich auch mit dem Ziel hin, auf den Gipfel zu kommen. Wenn es mir
gut geht, schaffe ich es auch. Es soll jedenfalls nie an meiner Kondition
scheitern. Entscheidend ist es, am Gipfeltag den inneren Schweinehund
zu überwinden. Die extreme Kälte, der Sauerstoffmangel - es
kommen viele Sachen zusammen, gegen die man ankämpfen muss. Aber
mit einer guten inneren Einstellung geht das.
LdB:
Wie trainierst du deine Kondition, damit du auch unter extremen Bedingung
noch auf körperliche Reserven zugreifen kannst?
Kaltenbrunner:
Vier bis sechs Monate vor der Bergfahrt habe ich das Bedürfnis, zwei
mal täglich Ausdauer zu trainieren. Im Winter stehe ich um halb fünf
auf und trainiere eineinhalb Stunden am Ergometer. Wenn ich abends von
der Arbeit heimkomme, ziehe ich mich um, laufe mit den Tourenskiern auf
den Feuerkogel, gehe duschen und falle ins Bett. Dann bin ich zufrieden.
Vielleicht wäre es sinnvoller, sich an einen Trainingsplan zu halten,
aber das mache ich überhaupt nicht.
Viele
fragen mich nach dem Everest. Aber auch der käme nur ohne Sauerstoffflaschen
in Frage.
LdB:
Sind Frauen prädestiniert zum Höhenbergsteigen?
Kaltenbrunner:
Ich habe bisher bei einigen Frauen beobachtet, dass sie die Höhe
sehr gut vertragen. Es könnte sein, dass Frauen besser in ihren Körper
hineinhören und diesbezüglich sensibler sind als Männer.
Wenn es mir so schlecht ginge, wie ich es oft bei anderen sehe, würde
ich nicht weitergehen, sondern umkehren und mich besser akklimatisieren.
LdB:
Wie gehst du mit dem Risiko beim Höhenbergsteigen um?
Kaltenbrunner:
Ich glaube, dass ich die Risiken mittlerweile gut einschätzen kann,
aber ein gewisses Restrisiko bleibt immer. Gerade beim Höhenbergsteigen
besteht die Gefahr, dass mal etwas abgeht oder ein Eisserac bricht. Lawinen
kann man da noch besser einkalkulieren. Am Manaslu beispielsweise habe
ich im Basislager zwei Tage abgewartet, bis das Gröbste vorbei war,
und bin dann erst losgestartet. Ich setze mich schon damit auseinander,
dass einmal etwas passieren könnte und ich nicht mehr heimkomme.
Aber dieses Risiko hat jeder auch bei einer Autofahrt. Und ich glaube,
dass es mir sowieso vorbestimmt ist, wann mein Leben vorbei ist.
LdB:
Möchtest du auch weiterhin auf künstlichen Sauerstoff verzichten?
Kaltenbrunner:
Für mich ist es ein wesentlicher Unterschied, ob man z. B. den Makalu
mit oder ohne künstlichen Sauerstoff besteigt. Ich habe mir von Anfang
an gesagt, ich gehe so weit, wie ich es aus eigener Kraft schaffe. Wenn
du auf 8.000 m künstlichen Sauerstoff nimmst, fühlst du dich
wie auf 6.500 m. Genauso gut könntest du dann auf einen Sechseinhalbtausender
gehen. Viele fragen mich nach dem Everest. Aber auch der käme nur
ohne Sauerstoffflaschen in Frage. Wenn ich einmal merke, dass mir die
Luft ausgeht, dann hoffe ich, dass ich umkehren kann. Wenn die Berge nur
noch ohne künstlichen Sauerstoff bestiegen werden dürften, würde
sich das Höhenbergsteigen stark reduzieren, speziell am Everest.
Aber das muss jeder für sich entscheiden. Schlimm ist es nur, wenn
die Flaschen am Berg zurückgelassen werden, das verurteile ich sehr.
LdB:
Wie sehen deine Zukunftspläne rund um Bergsteigen, Familie und Beruf
aus?
Kaltenbrunner:
Bergsteigen ist der absolute Mittelpunkt in meinem Leben. Wenn ich auf
einen Berg hinaufkann, bin ich glücklich. Das Thema Kinder habe ich
für mich schon abgeschlossen, weil es sich einfach nicht vereinbaren
lässt. Ich möchte mich immer intensiver aufs Bergsteigen konzentrieren,
aber als Profi durchzukommen ist sehr hart. Das Selbstvermarkten liegt
mir gar nicht - ich will einfach bergsteigen, weil es mir Spaß macht.
Aber ganz ohne Sponsoren geht es wegen der hohen Kosten einer Expedition
natürlich auch nicht.
Bergsteigen ist der absolute Mittelpunkt in meinem Leben. Wenn ich
auf einen Berg hinaufkann, bin ich glücklich.
LdB:
Wie wichtig ist dir die Höhe eines Berges?
Kaltenbrunner:
Heuer war mein Freund Herbert am Shivling unterwegs, und da wäre
ich wahnsinnig gerne dabei gewesen. Weil der Berg einfach so schön
ist. Oder die Ama Dablam, wo ich 1997 war, hat mich mit ihrer Steilheit
und Schönheit tief beeindruckt. Und da geht es gar nicht um die Höhe.
Aber insgeheim reizt mich die Höhe vielleicht doch, sonst ginge ich
nicht immer wieder auf einen Achttausender. Je höher ich hinaufkomme,
desto mehr gerate ich in einen Grenzbereich, und das ist schon ein spezielles
Gefühl. Alles noch unter Kontrolle zu haben, obwohl man sich geistig
und körperlich am Limit bewegt, ist eine Herausforderung. Wenn ich
hoffentlich einmal mehr Zeit zum Bergsteigen habe, möchte ich gerne
mehr Touren unternehmen, die zwar niedriger sind, aber technisch anspruchsvoller.
LdB:
Welche Bergsportart ist dir - abgesehen vom Höhenbergsteigen - am
liebsten?Kaltenbrunner:
Ich bin voll auf alpine Touren eingeschossen, am liebsten klettere ich
Felstouren um den VI. Grad. Mich reizt weniger das extrem Schwierige,
sondern das ganze Erlebnis: der Zustieg, eine tolle alpine Tour und dann
das Obensein. Eisklettern gefällt mir auch ganz besonders. Es fasziniert
mich, wenn sich das Wasser im Winter zu einem wunderschönen Eisfall
verwandelt, der im Frühjahr wieder verschwunden ist.
Land
der Berge 2003
Edi
Koblmüller in "Griffig", LAND DER BERGE 5/2005
8000er-Frau
aus Oberösterreich
Eigentlich
sollte es ein persönliches Interview mit Gerlinde werden, gleich
nach ihrem Versuch am Everest. Aber so schnell sie zurück in Europa
war, so kurz blieb sie und so rasch war sie auch schon wieder weg. Am
Weg zum nächsten 8000er ...
Acht Achttausender
hat Gerlinde Kaltenbrunner bereits bestiegen und damit die legendäre
Polin Wanda Rutkiewicz eingeholt, die 1992 am 8586 m hohen Kangchendzönga
verschollen blieb - der "Kantsch" wäre Wandas neunter gewesen.
Gerlinde Kaltenbrunner versucht ihren neunten Achttausender jetzt im Juli
im Karakorum - nicht den Broad Peak, wie ursprünglich geplant, sondern
den benachbarten Gasherbrum II. Sollte ihr der 8035 m hohe G II gelingen,
wäre sie sogar schon zum 10. Mal am Gipfel eines Berges über
8000 m, denn am 8. Mai 2005 stand sie zum zweiten Mal am Shisha Pangma,
8013 m. Nach ihrem Erfolg im Jahr 2000 am niedrigsten der 14 höchsten
Berge der Welt gelang ihr im heurigen Frühjahr zusammen mit ihrem
Lebensgefährten Ralf Dujmovits und dem Japaner Hirotaka Takeuchi
die erste Überschreitung des "Shisha" - Aufstieg durch
die schwierige Südwand, Abstieg über den Normalweg nach Norden.
Nur drei Wochen später versuchte das kleine Team den höchsten
Berg der Welt zu besteigen - nicht im Rummel des Normalanstiegs, sondern
in gerader Linie durch das "Supercoloir" in der Nordflanke des
Mount Everest. Der große Plan war vom Pech verfolgt und hätte
um ein Haar tragisch geendet: Wie tagelang im Internet und in den Medien
zu lesen war, erkrankte Hirotaka in 7700 m Höhe an einem lebensgefährlichen
Gehirnödem und schaffte den rettenden Abstieg mit Hilfe von Gerlinde
und Ralf nur im allerletzten Moment. Ein Leben war gewonnen, die Chance
am Everest verloren.
Wer ist
die Erste?
Achtmal 8000
oder neunmal - beim Erscheinen dieser LDB-Ausgabe wird man es wissen.
Unabhängig vom Erfolg am Gasherbrum II ist die 34-jährige Gerlinde
Kaltenbrunner heute eine der erfolgreichsten Höhenbergsteigerinnen
der Welt. Die zweite Frau mit 8 Achttausendern, vielleicht bald die erste
mit neun, in einigen Jahren vielleicht die erste Frau auf allen 14. Jetzt
schon kann man da und dort "griffig" lesen, sie hätte als
Bergsteigerin österreichische Alpingeschichte geschrieben, und manchmal
kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, eine rekordwahnsinnige Zeit
freut
sich auf eine "erbitterte weibliche Auseinandersetzung um den
Titel Achttausender-Königin". Ein Kopf-an-Kopf-Rennen um
alle 14 Großen ist durchaus möglich - schließlich gibt
es neben Gerlinde auch andere Kandidatinnen, die fast gleichauf mit Gerlinde
liegen, etwa die Spanierin Edurne Pasaban oder Nives Meroi aus Italien.
Irgendwie
suchen wir alle unsere persönliche Form von "Glück",
unser "Shangrila".
Bergsüchtig
Was Gerlinde
selbst zur weiblichen Variante des männlich dominierten Konkurrenzdenkens
in den Weltbergen meint, hätte ich sie nach der Rückkehr vom
Everest gerne persönlich gefragt. "Konkurrenzdenken oder
Ellbogenmethoden am Berg
kennt sie nicht", sagen ihre Freunde. Und wer sie kennt, nimmt
ihr das auch ohne viel Wenn und Aber ab, so unwahrscheinlich, fast altmodisch
das in überkommerzialisierten Zeiten wie diesen klingt. Und genau
das macht die stille "Bergkönigin", so der Titel
eines Artikels in der jüngsten Ausgabe der "Welt der Frau",
so ungemein sympathisch. Gerlinde Kaltenbrunner mag bergsüchtig sein
(anders wären ihre Ausnahmeleistungen in den Bergen und ihr unglaublicher
- freiwilliger! - Trainingsaufwand nicht erklärbar), eines ist sie
sicher nicht: rekordsüchtig. Auch das ist sympathisch. Bergsteigen
ist für sie der absolute Mittelpunkt des Lebens, die Erfüllung
einer Vision. "Ich bin total fixiert aufs Bergsteigen",
schwärmt sie über sich selbst, und es scheint ihr egal zu sein,
wenn kritischere und weniger bergbegeisterte Geister dies als etwas einseitig
betrachten.
Schon als Mädchen "haben mich die Berge unheimlich begeistert".
Mit 13 absolvierte die in Kirchdorf/Krems geborene Gerlinde ihre erste
Klettertour im heimischen Toten Gebirge. Mit 23 stand sie im Sommer 1994
auf ihrem ersten
Achttausender (Broad Peak, Vorgipfel), dem in den Jahren bis 2005 Cho
Oyu, Shisha Pangma (2 Mal), Makalu, Manaslu, Nanga Parbat, Annapurna I
und Hidden Peak folgten. Heute ist sie Profibergsteigerin - ihren Beruf
als Krankenschwester hat sie aufgegeben, das Thema Kinder für sich
abgeschlossen, weil es sich nicht vereinbaren lässt.
Irgendwie suchen wir alle unsere persönliche Form von "Glück",
unser "Shangrila". Gerlinde Kaltenbrunner hat - kitschig hin,
kitschig her - ihr Glück in den Bergen gefunden, findet es wohl jetzt
gerade am Gasherbrum II.
Vielleicht, hoffentlich, wieder ganz oben.
Steckbrief
Gerlinde
Kaltenbrunner, geb. am 13. 12. 1970 in Kirchdorf/Krems
Beruf:
Dipl. Krankenschwester
Lieblings-Felstour:
Don Quixote in der Marmolada-Südwand
Lieblings-Eistour:
Presanella Nord
Lieblings-Skitour:
Großer Phyrgas
Expeditionen:
1994 Broad Peak, Pakistan (Vorgipfel 8027 m)
1995 Muztagh Ata, China (bis 6600 m)
1997 Ama Dablam, Nepal (6858 m Süd-Westgrat) 1998 Cho Oyu, Nepal/Tibet (8201 m)
1999 Alpamayo, Peru (5947 m, Ferrari-Route)
2000 Shisha Panama, Tibet (Central Gipfel, 8008 m) 2001 Makalu, Nepal (8463 m) 2002 Manaslu, Nepal (8163 m) 2003 Kangchendzönga, Nepal (bis 7200 m, Nordflanke) 2003 Nanga Parbat, Pakistan (8125 m, Diamirflanke) 2004 Xifeng Peak, Tibet (7221 m) 2004 Annapurna I, Nepal (8091 m Franzosenroute) 2004 Gasherbrum I, Pakistan (8068 m, Japanercouloir) 2005 Shisha Pangma, Tibet (8013 m, Südwand) 2005 Everest, Tibet (Abbruch wegen Krankenbergung) 2005 Gasherbrum II, Pakistan (8035 m, SW-Sporn)
2006: Kangchendzönga, Nepal (8.586 m)