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Sp[r]itzenbergsteigen

Gedopt in eisige Höhen

Gedopt in eisige Höhen

Von Thomas Rambauske

Doping und (Höhen-)Bergsteigen - zwei Begriffe, die bis dato in keinen Zusammenhang gestellt wurden. Aus drei Gründen. Wenn man unter Doping den "wissentlichen Missbrauch von bestimmten Substanzen im Verlauf eines sportlichen Wettbewerbs, die künstlich und vorrübergehend die körperlichen Fähigkeiten eines Menschen oder eines Tieres beeinflussen" (Neue Großes Enzyklopädisches Wörterbuch, 1983), versteht, gilt diese Definition für den Bergsport kaum, da hier kein "sportlicher Wettkampf" im herkömmlichen Sinne stattfindet. Und wo kein (olympischer) Wettkampf, da kein Kampfrichter und also keine Dopingkontrolle. Fehlende Regeln, fehlende Mittel zur Exekution von Verstößen, aber auch fehlende ethische Kriterien eröffnen im Alpinismus einen Freiraum, in dem jedes Mittel recht ist, aber auch nicht geahndet wird. Die Doping-Maßstäbe, wie sie bei olympischen Spielen angewendet werden, lassen sich deshalb nicht auf das Bergsteigen übertragen.
Der zweite Grund liegt wohl in der ethischen Auffassung des Bergsports als "fairer, sauberer und gesunder" Sport, in der verbotene Mittel undenkbar sind. Selbst in der berühmten Tirol Deklaration kommen die Begriffe "Doping" und "verbotene Mittel" nicht vor.
Drittens muss im Bergsport das Gefahrenmoment berücksichtigt werden. Speziell ein Höhenbergsteiger kann unverhofft in lebensbedrohliche Situationen geraten, wo es geradezu (überlebens-)notwendig ist, zu verbotenen Mitteln zu greifen. Beispiel Hermann Buhl.

Hermann Buhl und Pervitin

Es ist hinlänglich bekannt und in seiner Biografie nachlesbar, dass Hermann Buhl seinen legendären Solo-Gang auf den Gipfel des Nanga Hermann BuhlParbat und ein Freibiwak auf über 8000 m wahrscheinlich dank einer ordentlichen Portion Pervitin-Tabletten überlebte. Was ist Pervitin?
Schon mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs erhielt das Dopingthema Brisanz und Publizität. Anlass dazu gab eine neue Generation von Amphetaminen aus der deutschen Kriegswirtschaft, von denen Pervitin das bekannteste war. Die im Volksmund auch "Stuka-Tabletten" oder "Hermann-Göring-Pillen" genannten Amphetamine waren bis 1941 auf dem Schweizer Markt rezeptfrei erhältlich und wurden von der Armee in Feldversuchen getestet. Bodentruppen, Kampfflieger und Bomberpiloten konnten durch die "Pepp-Pillen" (Amphetamin) oder die "Panzerschokolade" (mit Pervitin als Produktname des in Deutschland exklusiv synthetisierten noch aggressiver wirkenden Methamphetamins) auf die "autonom geschützten Reserven" des Körpers zurückgreifen. Bei Überdosierung oder fehlender Ruhe drohte allerdings der Tod. Außerdem machte das Mittel süchtig. In Militärkreisen war man sich einig, dass der Einsatz von Amphetaminen im Kriegseinsatz unter Umständen sinnvoll sei. Umstritten blieb die Frage allerdings, wie die Gesellschaft und der Sport auf die Herausforderung ihrer "Pervitinisierung" zu reagieren hätten. Kritiker der Amphetamin-Freigabe warnten vor der "Pervitin-Seuche" und bemerkten, die Amphetamine seien über die Sportlerkreise hinaus zum regelrechten Modeartikel einer Zeit geworden, der in ihrem ungestümen Drang nach Tempo und übermenschlicher Leistung der Sinn für das richtige (physiologische) Maß bereits etwas abhanden gekommen sei. Wie wahr.
Jahrzehntelang konsumierten Ausdauerathleten wie Radsportler und Langstreckenläufer Pervitin, mit denen Ermüdungserscheinungen überdeckt werden konnten. Bevor Hermann Buhl am 3. Juli 1953, in einer Zeit des sog. Eroberungs-Alpinismus, in dem jedes Mittel recht war, um auf den Gipfel zu gelangen, zu seinem legendären Alleingang auf den 8.125 m hohen Nanga Parbat ansetzte, griff er neben dem Pervitin außerdem zur Flasche, aus der er einen kräftigen Schluck Kokatee nahm, der eine Herzkreislauf anregende Wirkung wie Koffein zeitigt. Und auch Koffein steht heute, über Maßen eingenommen, auf der Doping-Liste.

Stichwort "Diamox"

Auch Diamox steht heute auf der Doping-Liste der "absolut verbotenen Medikamente". Unter Trekkern und Höhenbergsteigern ist die Ansicht verbreitet, dass das DiamoxMedikament "Diamox" ein geeignetes Mittel zur Vermeidung von Höhenkrankheit sei. Der Wirkstoff des Diamox, das Acetazolamid, ist in der Medizin als Diuretikum (harntreibendes Mittel) bekannt. Das harntreibende Acetazolamid entwässert und vermindert die Hirnschwellung während der Anpassungsvorgänge in der Höhe. Ferner erhöht es die Bikarbonat-Ausscheidung über die Nierung und vermindert so den Blutsäurewert. Das verbessert die Atmung und die Sauerstoffsättigung im Blut, was sich positiv auf Kopfschmerzen und Schlaf auswirkt. Überdies erhöht es den Säurespiegel des Blutes und regt damit die Atmung an. Insofern unterstützt Diamox den Prozess der Höhenanpassung.
Bei amerikanischen Trekkinggruppen und Bergsteigern ist die prophylaktische Einnahme von Diamox zur Vorbeugung einer Höhenkrankheit durchaus üblich. Die europäische Medizin ist hier konservativer eingestellt und lehnt überwiegend eine medizinisch nicht notwendige Einnahme ab. Unter mitteleuropäischen Bergsteigern gilt die Einnahme von Diamox für eine schnellere Höhenanpassung vielfach ebenso als "Doping" wie der Vorstoß in größte Höhen mit Hilfe von Flaschensauerstoff (siehe unten). Am Beispiel Diamox kommt bei einer prophylaktischen Einnahme also beispielhaft das ethische Moment des "Dopings" ins Spiel. Einnahme nur, wenn es ums blanke Leben geht und wenn ein schneller Aufstieg unvermeidlich ist (z.B. bei Rettungsaktionen) oder wenn in der Vorgeschichte ein Höhenlungenödem bzw. eine schwere Höhenkrankheit vorgelegen hat und sich plötzlich Anzeichen eines neuen Ödems ergeben.

Stichwort "Nifedipin"

In der medikamentösen Behandlung der akuten Höhenkrankheit und des Höhenlungenödems hat sich in den letzten Jahren ein Trend vom Acetazolamid (Diamox) zum Nifidepin (z.B. Adalat) gezeigt. Es senkt den Druck in den Lungenarterien und verbessert die Sauerstoffaufnahme des Bluts in der Lunge. Als Notfallmedikament bei akutem Höhen-Lungenödem wirkt es schnell und zuverlässig. Nachhaltige Heilung jedoch nur durch anschließenden Abstieg/Abtransport. Auch hier gilt die Meinung: Nifedipin ohne Grund eingenommen, wird als Doping klassifiziert, Bergsteiger mit bekannter Anfälligkeit für Lungenödeme können Nifedipin prophylaktisch nehmen.

Stichworrt "Viagra"

Immer öfter taucht in diversen "Ratgebern" für Höhenanpassung und Expeditionsmedizin, aber auch in immer mehr Expeditionsberichten das Wort Sildenafil, eher bekannt unter dem Handelsnamen "Viagra", oder das länger wirksame Tadalafil (Cialis) auf. Viagra senkt, wie jüngste Untersuchungen gezeigt haben, den Druck im Lungenkreislauf. Dadurch wird die Pumpleistung des Herzens verbessert und die körperliche Leistungsfähigkeit deutlich gesteigert, weil die Sauerstoffaufnahme optimiert wird. Ob die sog. Potenzmittel tatsächlich auch zur Senkung eines erhöhten Lungendrucks, wie er in großen Höhen entsteht, gefahrlos eingesetzt werden kann, ist noch offen und bedarf eingehender Studien. Viagra ist jedenfalls nahe daran, demnächst auf der Doping-Liste zun erscheinen.

EPOStichworrt "EPO"

Auch EPO, das den Sauerstoffanteil in den Muskeln erhöht und deswegen vor allem von Sportlern verwendet wird, die Ausdauersport betreiben, wird bei (Spitzen-)Alpinisten nachweislich immer beliebter. Was nicht wundert. Je mehr rote Blutkörperchen dem menschlichen Blutkreislauf zur Verfügung stehen, desto leistungsfähiger arbeitet der gesamte Organismus, weil den Zellen entsprechend mehr Sauerstoff zugeführt wird. EPO wird bereits ca. seit Ende der 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts zum Zweck der Leistungssteigerung missbraucht und steht deswegen auf der Liste der Dopingjäger an vorderster Stelle.

Stichwort "Sauerstoff"

Beim Thema Sauerstoff gehen die Meinungen stark auseinander. Ist die künstliche Zufuhr von Sauerstoff als SauerstoffDoping zu werten oder als legitimes Hilfsmittel, das einem den Gipfel eines 8000er beschert? Unter vielen Bergsteigern ist die Ansicht verbreitet, dass Sauerstoff als regelwidriges Doping zu sehen sei. Zum fairen "alpinen" Stil des Höhenbergsteigens passen deren Meinung nach weder Träger, noch Fixseile, noch eben künstlicher Sauerstoff. Als prominentester Befürworter dieser Lehre gilt Hans Kammerlander: "Sauerstoff ist Doping. Und durch Sauerstoff werden die 8000er zu 7000ern degradiert. Das interessiert mich dann nicht mehr. Sauerstoff kann man zum Tauchen nehmen, aber nicht in die Berge."

Was tun gegen die Diamoxisierung des Bergsports?

Das Dopingproblem beim Bergsteigen betrifft sicher nur zu einem kleinen Teil die Spitze. Der weitaus größere Missbrauch wird wohl von Otto Normalverbraucher betrieben, der um jeden Preis persönliche Höhenrekorde erzwingen will, der sich seinen 8000er vielleicht über Jahre vom Mund abgespart hat und dem jedes Mittel recht ist, um auf seinen (Prestige-)Gipfel zu gelangen. Zudem gibt es vom Kilimanjaro bis zum Cho Oyu weder Richter noch Kläger. Wen kratzt also eine Überdosis Diamox? Allein das eigene Gewissen und der eigene Körper werden die Frage beantworten müssen: Welcher Gipfel ist das Risiko wert, das durch die Einnahme von Diamox & Co. eingegangen wird? Und das Risiko bei unsachgemäßer und überdosierter Einnahme diverser Medikamente ist für den Organismus nicht gerade gering. Und genau hier sollten die Begriffe "Doping" und "Bergsteigen" sehr wohl in Zusammenhang gebracht werden. Wünschenswert wäre z.B. eine Erweiterung der Tirol-Deklaration in Richtung Sensibilisierung betreffs Doping, Flaschensauerstoff und gefährliche Medikamente. Wünschenswert wäre eine verstärkte Bewusstseinsmachung von Seiten der Alpinmedizin, wünschenswert wäre mehr Engagement der Bergführer und Expeditionsveranstalter gegen die Pervitin- und Diamoxisierung des Bergsports.

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