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Mountainbiken rund um Wien

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Auf das "Dach der Welt"

Pik Lenin

Juli/August 2000, 7.134 m
Blick vom Basislager

Vorbemerkung

Die hier geschilderte Expedition wurde von der Ruefa (vormals Verkehrsbüro) organisiert und zwar in vorzüglicher, äußerst zufrieden stellender Weise (Kontakt: bernhard.letz@ruefa.at). Am Berg waren wir uns selbst überlassen, mussten Logistik, Route, Aufstiegstempo etc. selbst bestimmen, ab Lager 2 auch selbst versorgen.

Anreise: Wien – Almaty (Kasachstan) – Bischkek – Osch – Basislager (3 Tage)
1. Tag

Basislager (Zwiebelwiese), 3.700 m

 

 

 

 

 

Basislager

Nachdem wir abends zuvor ankamen, von den Lagerverantwortlichen Gari, Sascha & Co freundlichst willkommen geheißen wurden, unsere Zelte bezogen, ein formitables Abendessen in einer Super–Jurte genossen und gut schliefen, heißt es heute ausruhen und akklimatisieren. Ernüchternd die Nachricht, dass heuer aufgrund einer Schlechtwetterperiode erst vier Bergsteiger auf dem Gipfel standen und ein Slowene sage und schreibe 14 Tage lang in Lager 1 ausharrte, um durch ein Schönwetterloch auf den Gipfel zu starten – vergebens. Das Wetter wird – das wissen wir – DAS Kriterium dieser Expedition.

Herrliches Wetter heute – wir genießen die Farbenfülle um uns, das Azurblau des Himmels, das Rot des Sandsteins, das Braun–Grün des wüstenartigen, weiten Alai–Tales im Norden, das blendende Weiß des gewaltigen "Pik der 19. Parteiversammlung" (welch ein romantischer Name ...), eines Torwächters des Alai–Kammes.

Wir fühlen uns auf Anhieb wohl im Basislager, das mit Dusche, WCs, frischem Quellwasser, Musik, einer Bar und reichlich guter Stimmung ausgerüstet ist.

Um uns "aufzuwärmen", wandern wir durch ein blumen–, murmeltier– und zwiebelreiches Tal hinauf auf den "Pass der Reisenden" (4.060m), überklettern einen brüchigen Grat zurück zum Base und sanieren uns in einem eiskalten Fluss.

Einige unserer Gruppe fühlen sich schon jetzt schlecht, werden sogar mit Verdacht auf Lungen–Ödem ins Krankenhaus von Osch gebracht. Wie gut, dass ich vorher die Höhenluft der Zillertaler geschnuppert habe! Das hilft, um zumindest diese ersten wichtigen Tage zu überstehen.
2. Tag

Basislager – Lager 1 (4.280 m) – Basislager

Erste Annäherung an den Berg. Mit vollem Rucksack steuern wir über die Zwiebelwiese dem Pass der Reisenden zu, keuchen ihn zum 2. Mal hinauf, steigen auf der anderen Seite über den konglomeratartigen Hang wieder ab – Vorsicht Steinschlag! –, überqueren einen Bach und trotten ewig lange über einen aperen, spaltenlosen Gletscher, bis wir nach 3 1/2 Stunden (580 Hm) Lager 1 auf der Mittelmoräne des Lenin–Gletschers erreichen. Ein erster, sehnsuchtsvoller Blick auf die Nordflanke des Pik Lenin, auf die LipkinFelsen, den Himmel, schnell bauen wir ein Zelt auf, verstauen das Gepäck darin und kehren ins Basislager zurück.
3. Tag

Basislager – Lager 1

 

 

Lager 1

Endgültige Übersiedlung ins Lager 1. Die Rucksäcke mit dem Rest unserer Ausrüstung scheinen noch schwerer als die des vorigen Tages, Irmgard, meine Seilgefährtin, trägt sogar Seesack und Rucksack übereinander! In ihr habe ich eine zähe Partnerin mit 8000er–Erfahrung gefunden. Zudem klettert sie famos, ernährt sich ausschließlich von Grünzeug und Nutella, verabscheut Alkohol. Der Pass der Reisenden wird zum Pass der Qualen, nach 4 1/2 Stunden haben wir die 580 Höhenmeter überwunden. Timmi, der russische Koch, erwartet uns mit einem herrlichen Abendessen im Gemeinschaftszelt unserer Gruppe. Die Benutzung des WC–Zeltes verlangt mehr technisches Können als der ganze Berg, wir suchen uns schöne Felsen ... Die Abenddämmerung vergoldet unseren Traumberg. Die Nacht wird insofern spannend, als das Eis unter uns knarrt und kracht und wir nicht wissen, ob wir am nächsten Morgen noch dort aufwachen, wo wir am Abend zuvor eingeschlafen sind.
4. Tag

Ruhetag in Lager 1

Bei wolkenlosem Wetter dösen wir durch den Tag, träumen von Lager 2, scherzen, essen uns Energie an, Klaus leidet an Durchfall, tut aber nichts dagegen, säuft weiter sein Bier, was sich rächen wird; abends ein jäher Wetterumschwung – Schnee, Kälte, Finsternis.
5. Tag

Versuch Lager 2

Was für ein Morgen! Der nächtliche Schneefall hat die Umgebung in eine glitzernde Märchenlandschaft verwandelt. Wolkenloser Himmel über einem Meer aus Kristallen. Doch der Schein trügt. Hochmotiviert packen wir den ersten Teil unseres Equipments und stapfen hoch, Lager 2 entgegen. Zunächst eine Stunde lang flach durch einen Gletscherkessel, dann über eine Steilstufe ("russisches" Fixseil!) hoch, auf einer Alu–Leiter über eine ordentliche Gletscherspalte balanciert, dann ein stundenlanges Dahintrotten bei brütender Hitze. Nach 5 3/4 Stunden ziehen Graupelwolken auf, mein Pickel beginnt zu knistern und Funken zu sprühen, "Metall weg!", schreie ich Irmgard zu, und schon fliegen Pickel, Schlosserei etc. durch die Gegend, in einen Biwaksack gehüllt und auf einem Rucksack hockend warten wir das Ende des Graupelschauers ab, vergraben dann unser Zeugs, markieren das Depot mit einer Lawinenschaufel und suchen fluchtartig das Weite.
6. Tag

Lager 1

Wie zum Hohn lacht uns den ganzen Tag über die Sonne an. Aber wir haben nunmal beschlossen, die Strapazen des gestrigen Tages zu verdauen, machen das Beste draus, kochen uns manches Schmankerl, lassen uns von Timmi verwöhnen, trotzdem berste ich vor Ungeduld, möchte hoch, möchte weiter, bereue es, diesen Tag nicht genützt zu haben.

Sigfried erholt sich nicht und nicht von seinem Kopfweh, seine Lungen rasseln bei jedem Atemzug – Lungenödem? – wir organisieren ein Muli, um ihn schnellstmöglich ins Basislager zu schaffen.

Abends schneit und donnert es, die Luft ist so elektrisiert, dass die Metallstangen unserer Zelte Funken spucken – Kino a la Pamir.
7. Tag

Lager 1

Wir sitzen fest. Gewitter, Graupelregen, Kälte. Der Slowene, der 14 Tage hier auf Schönwetter wartete, kommt uns drohend in den Sinn. Da gerät man ins Grübeln, was man Anderes machen könnte, statt hier in einem engen Zelt zu frieren – fischen zum Beispiel in der Salza, schwimmen im Erlaufsee oder durch die Schladminger wandern. Aber nein, man lässt sich hier im tiefsten Kirgistan auf 4000m Seehöhe lieber zuschneien, schlottert und klappert mit den Zähnen und zahlt sogar einen Haufen Geld dafür... der Sprung in meiner Schüssel schmerzt.
8. Tag

Lager 1 – Lager 2 (5.300 m)

 

 

 

 

Lager 2

Endlich! Wir schultern unsere 25–Kilo–Last und marschieren auf Teufel komm' raus los. Das Wetter scheint heute zu halten, als wir zu unserem Depot kommen, finden wir – nichts. Wie vom Erdboden verschluckt – die Lawinenschaufel, ein riesiger Seesack voller High Tech–Kleidung, Kocher, Nahrungsmittel etc. – weg, weg, weg! Verzweifelt suchen wir weiter, die Sonne brennt herab, das Wasser geht uns aus, erschöpft geben wir nach 3 Stunden auf und ziehen bedrückt weiter. Nach einer Netto–Gehzeit von rund 7 Stunden und 1000 Höhenmetern queren wir einen lawinengefährlichen Hang (Katastrophe 1990, 49 Tote!) und kommen halb verdurstet in Lager 2 an. Wir wissen, wenn wir unser Depot am nächsten Tag nicht finden, können wir den Pik Lenin vergessen. Da wir nun weder über Kocher noch Nahrungsmittel verfügen, machen wir uns auf eine durchhungerte und durstige Nacht gefasst, wir können ja in dieser Höhe von niemandem verlangen, dass er uns versorgt – da öffnet sich ein Zelt, ein dampfender Kessel kommt zum Vorschein, ein vermummtes Gesicht, "Thomas, Irmgard! Come to trink!". Ein Mensch, der ohne gefragt zu werden, hilft. Eines der schönsten Erlebnisse meiner Bergkarrriere. Dieser wundervolle Mensch heißt Sulja, eine russische Bergführerin; sie wird im Verlauf der Tour noch eine wichtige Rolle für mich spielen. Da dieses Lager in einer geneigten Spaltenzone liegt, haut´s Klaus gleich in das nächstbeste Loch vor seinem Zelt, seine "Dünne" wird davon auch nicht besser. Ansonsten gibt es zwar Wasser aus einer sog. "Quelle", doch die wird von einem unter dem Lager verlaufenden Rinnsal gespeist, also gut abkochen!
9. Tag

Suche nach dem Depot

Wir wissen, wir MÜSSEN unseren Seesack finden, sonst können wir die Expedition aufgeben und nach Hause fahren. Klaus und Robert helfen uns bei der Suche. Mit Stöcken sondieren wir das Gelände, suchen wie nach Lawinenopfern jeden Zentimeter ab. Nichts. Immer weiter ziehen wir die Kreise. Nichts. Zum ersten Mal schwant uns das Unmögliche: gestohlen. Die ersten unbeherrschten Wutausbrüche. Ich fasse es nicht, Irmgard will und kann nicht mehr, ihr Kopf dröhnt, auch Klaus und Robert geben auf. Ich nicht. Lasse mich nicht von einem Seesack schlagen. Ich bitte Irmgard, mich zu sichern, ich will nochmals jeden Fingerbreit im Umkreis von 50 Metern absuchen, egal, wie lange ich dafür brauche. Da erkenne ich weiter weg eine Fußspur, mehr eine Andeutung, eine runde Kante, dann noch eine, noch eine, da kapiere ich: der Schneesturm muss unsere Aufstiegsspur vollkommen zugeweht, die ersten Tourengeher nach diesem Wetter eine neue Spur gelegt und wir die falsche Spur abgesucht haben. Ich gehe den Konturen der Abdrücke nach, stochere wie besessen im Schnee herum, da – etwas Weiches – etwas Grünes – unser Seesack! Wir freuen uns wie die Schneehasen, schreien, umarmen uns – so außer mir war ich bisher auf keinem Gipfel. Dennoch bleibt ein bitterer Beigeschmack: Gestohlen wurde uns dennoch etwas, nämlich die Lawinenschaufel, eine Gore Tex–Jacke und eine Fleece–Hose. Ernüchternd für jemanden wie mich, der glaubte, unter Bergsteigern geschähe so etwas nicht.

Zur Feier des Tages lade ich Sulja auf Tee und Schoko–Riegel ein, wieder ein Schneehase, der sich freut.

Graupelschauer am Abend verheißen nichts Gutes.
10.Tag

Lager 2 – Pik Razdelnaja,  6.148 m – Lager 3 (6.100 m)

 

 

 

Lager 3

Von wegen! Herrliches Wetter! Irmgard fühlt sich nicht gut, will ins Base absteigen. Im Gegensatz zu ihr, die 4 Wochen gebucht hat, bleiben mir nur mehr 9 Tage für den Gipfel. Das heißt: ein Versuch, eine Chance. Nachdem ich mich ausgezeichnet fühle und vor Tagendrang berste, möchte ich weiter zu Lager 3.

Mit Heimo, einem Mixnitzer Fossil (60 Jahre!), Sulja, die von ihm als Bergführerin angeheuert wurde, Klaus und Robert überwinden wir zunächst einen steilen Hang, eine anschließende Ebene und kämpfen uns dann durch knietiefen Schnee den Nordrücken zum Pik Razdelnaja hoch (6.148m), das schwere Gepäck, die dünne Luft – wir überschreiten unsere Grenzen mehrmals. An sich gäbe ich mich mit diesem Gipfel schon zufrieden, mein erster 6.000er, was will ich mehr! Die letzten Meter zum Lager 3 verbrauchen unsere letzten Energien. Der Zeltaufbau, die Schneeschmelzerei – alles verläuft zäh, unendlich langsam, unkoordiniert, jeder Handgriff muss eigens durchdacht, ja neu erlernt werden – charakteristisch für diese Höhe, wo das Blut verdickt und das Gehirn zu wenig Sauerstoff abbekommt. Zu guter Letzt muss ich noch kochen, auch für Heimo, der sich vollends auf die Hilfe anderer verlässt. Auch eine Methode. Ich tue es gern für diesen netten Kerl, habe noch genug Sprit über.

Die Nacht wird zur Hölle. Da der Zeltplatz genau in einer Windschneise zu liegen scheint, tobt sich der Orkan justament an unseren Zelten aus – wir haben in wörtlichem Sinne alle Hände damit zu tun, die Planen von uns wegzudrücken, damit wir nicht unter ihnen begraben werden. An Schlaf ist nicht zu denken. Der Gipfel rückt in weite Ferne ...
10. Tag

Lager 3 – Pik Lenin, 7.134 m

 

 

 

 

Auf dem Weg zum Gipfel

 

 

 

 

Am Gipfel mit Sulja

Wie gesagt, so leicht gebe ich mich nicht geschlagen. Um 6 Uhr früh klopft Sulja an unser Zelt – "Heimo, come on, to the summit!". Ich frage sie, ob ich mich ihr anschließen könne, denn Klaus muss wegen Durchfalls passen und Robert hat auf Anraten eines Besserwissers die Steigeisen in Lager 2 gelassen (ein Fehler, der ihm den Gipfel kostet), ich würde also alleine gehen müssen – zu riskant bei diesen Wetterverhältnissen.

Bei leichtem Wind, aber sonst sichtigem Wetter starten wir um 7 Uhr. Nach den ersten 20 Schritten glaube ich erschöpft aufgeben zu müssen, habe kein Gefühl in den Beinen, keine Kraft, probiere noch ein paar Schritte, finde einen geeigneten Rhythmus – ein Schritt, drei Schnaufer – und überwinde so bald meine Müdigkeit. Nach dem Hang geht es endlos über eine Ebene, dann wieder hoch über einen Steilhang, ein Eisfeld (Steigeisen!), bei 7.000m bleibt Heimo stehen, zündet sich seine Pfeife an und meint: "Ein 7.000er ist mein Ziel gewesen, den habe ich jetzt erreicht, Schluss, basta." Sulja will weiter, den Gipfel für kommende Führungen erkunden, lädt mich ein, mitzukommen, ich komme, wir bitten Heimo, auf uns zu warten, dann ziehe hinter meiner Bergführerin her, langsam, langsam, auf und ab, zermürbend die zahllosen Hügeln und Kuppen, die man alle für den Gipfel halten will, "is this the summit?", "no, no", lacht sie dann immer wieder und zieht weiter. Wir treffen auf einen Amerikaner mit Bergführer, auch er will aufgeben, ich ermuntere ihn, weiterzugehen, es könne nicht mehr weit sein, also weiter, ein Schritt – fünf Schnaufer, ein Schritt – sechs Schnaufer, "is this the summit?" – "no, no ...", Nebel zieht auf, kalter Wind bläst uns Schnee ins Gesicht, "Is this the summit?" – "yes, Thomas, yes! Here is the summit, wellcome on the top of Pik Lenin!", schreit Sulja durch den Schneesturm und umarmt mich. Ich nehme es denkunfähig zur Kenntnis, es sieht hier aus wie auf der Rax und dort springe ich auch nicht herum wie ein erregter Gamsbock. Auch der Amerikaner hat´s geschafft. Ein paar Gipfelfotos, ein Stein für die Sammlung zu Hause und Abmarsch.

Beim Abstieg verkrampft sich mein Magen – "Dehydration" diagnostiziere ich, mein alter Fehler, glaube immer mit einer 1–Liter–Flasche auskommen zu können. Unterwegs sammeln wir Heimo auf, der pfeifenrauchend gewartet hat, geraten dann in dichtesten Nebel, in dem selbst Sulja nicht genau weiter weiß, instinktiv findet sie jedoch den richtigen Weg (gut, dass ich mit ihr gegangen bin!) und wir rutschen ab zu Lager 3.

Gesamtgehzeit: 11,5 Stunden, Höhenmeter: 1000. Klaus und Robert gratulieren uns, ich trinke, was das Zeug hält, koche und esse bis spät in die Nacht, in der uns wieder Genosse Äolos besucht und mir den Schlaf raubt. Eine zweite schlaflose Nacht also, na wenn schon, ich habe den Gipfel, muss nur mehr runter.
11. Tag

Lager 3 – Lager 2 – Lager 1

Der Sturm lässt heute nicht nach, in frostiger Kälte packen wir unsere Sachen (auch Robert, der den Gipfel mit meinen Steigeisen probieren wollte) und treten den Rückzug ins Lager 2 an. Dort will ich bleiben, mich ausrasten, den Schneesturm abwarten, aber Heimo, dem es elend schlecht geht, müsse ins Lager 1, er könne sich auf 5.000m nicht erholen, und ich solle ihr helfen, ihn hinunterzuschaffen, bittet mich Sulja. Auf diese Weise kann ich mich bei ihr für die gestrige Führung bedanken (Geld hat sie abgelehnt). Wir nehmen Heimo zwischen uns ans Seil, tatsächlich rutscht er mehr als er geht, fällt, flucht, er ist völlig am Ende, reißt sich eine Hand auf bei einem Sturz aufs Eis, wir sichern ihn über die Spalten. Als wir das Schlimmste überstanden haben und das Lager 1 in greifbare Nähe rückt, schütteln wir uns die Hand. Jetzt fasse ich erst richtig, was wir geschafft haben, im Lager überschüttet uns Timmi mit Kaffee und heißer Suppe, ein Festessen ...
12. Tag

Lager 1 – Basislager

Heimo erholt sich über Nacht, kann mit mir heute ins Base absteigen. Und wir genießen es, schlendern plaudernd, schauend und fotografierend bergab, über den aperen Gletscher, zum letzten Mal über den Pass der Reisenden, dort erwartet uns Siegfried, dessen Lungen sich erholt haben, und geleitet uns zum Base, wo uns Geri, der Lagerkommandant schon erwartet mit den schönsten Worten des Tages: "Wollt ihr duschen?". Tatsächlich hat man eigens für uns Wasser gewärmt für die luxuriöseste Dusche, die ich je erlebt hate. Ich genieße sie unendlich.

Die letzten 5 Tage verbringe ich im Base, vertreibe mir die Zeit mit Wanderungen in die umliegenden Täler, mit Besuchen in manchen Jurten. Die Gastfreundlichkeit und die mit Zufriedenheit gepaarte Anspruchslosigkeit der Nomaden beeindrucken. Eine Kuh wird vor unseren Augen geschlachtet, mein Magen revoltiert, vielleicht um mich für mein allzu rasantes Tempo zu bestrafen, vielleicht aber auch für den übermäßigen Verzehr von Rindsleber und Fladenbrot (eine Spezialität der kirgisischen Bauern).

Klaus wird seines chronischen Durchfalls wegen (als Andenken an diese Expedition wird er eine Allergie gegen Bier und Milch nach Hause bringen) den Gipfel ebensowenig schaffen wie Robert, der sich die Qual eines erneuten Anlaufes ersparen will.

Wolfgang, ein Vorarlberger, muss wegen eines Asthmaanfalls kurz vor dem Gipfel aufgeben.

Die zwei Deutschen, die wegen Lungenödemen im Krankenhaus behandelt wurden, schaffen den Gipfel.

Und Irmgard? Als sie zwei Wochen später von Lager 3 zum Gipfelsturm ansetzt, wird ihr und allen anderen, die sich gerade am Berg befinden, befohlen, ins Base zurückzukehren und abzureisen. Bis heute weiß man nicht genau, was passiert war. Wahrscheinlich ein Scharmützel zwischen Armee und muslimischen Rebellen.
Tipps
  • Vorbereitung: Langlaufen, Joggen, Rad fahren, spätestens 2–3 Monate vor Reisebeginn sollte das Training intensiviert werden. 2–3 3000er schützen zumindest vor der dünnen Luft des Basis Lagers, die richtige Höhenanpassung muss vor Ort stattfinden.
  • Die KLM hat uns 30 kg Freigepäck zugestanden. Allerdings musste jedes Kilo mehr teuerst bezahlt werden. Also aufpassen und in Bergstiefeln und Anorak ins Flugzeug steigen! Am Inlandsflug Bishkek–Osch–Bishkek gilt 20kg inklusive Handgepäck. Jedes Gramm wird in örtlicher Währung verrechnet – ist aber sehr billig.
  • Träger und Bergführer können zwar angeheuert werden, kosten aber nicht wenig.
  • Eine medizinische Versorgung gibt es kaum. Deswegen ist es ratsam, für alle Eventualitäten selbst vorzusorgen.
  • Das Essen in Basislager und Lager 1 ist bedenkenlos genießbar, das Wasser in Base und L1 ebenfalls, das aus einer "Quelle" sprudelnde Wasser in L 2 sollte ordentlich abgekocht werden, da das Rinnsal unter dem Lager verläuft.
  • Ein Besuch der umliegenden Jurten lohnt sich auf jeden Fall. So lernt man zumindest ansatzweise die Bevölkerung kennen. Nicht nur deren herzerwärmende Gastfreundlichkeit, auch die Käse– und Milchspezialitäten beeindrucken. Ratsam, kleine Geschenke wie Hygienemittel, Zigaretten, Feuerzeuge (keine Süßigkeiten!) etc. mitzubringen.
  • Da die Polizei hin und wieder das Base kontrolliert, sollten Pass und Visum stets bereit und in Ordnung gehalten werden.
  • Vor oder nach der Tour lohnt sich ein Besuch des Basars von Osch. Köstlichkeiten, Gewürze, wohin das Auge blickt – ein Eldorado für Feinschmecker.
  • Ansichtskarten gibt es nur teuer im Base zu kaufen, eine Minute über ein Satellitentelefon kostet 5 Dollar.
Schwierigkeiten
  • Kaum technische Herausforderungen, es wird nicht mehr verlangt als auf Mont Blanc oder Elbrus; das Hauptproblem liegt erstens in den verhältnismäßig weiten Distanzen zwischen den Lagern:
    • BS – L1: 4–8 Stunden
    • L1 – L2:  6 Stunden
    • L2 – L3:  5–8 Stunden
    • L3 – Gipfel – L3: 12–14 Stunden; zweitens in den schnellen und meist gewaltig ausfallenden Wetterumschwüngen – auf einen lammfrommen Tag kann eine fürchterliche Nacht mit orkanartigen Stürmen mit Schnee und Eiseskälte folgen!
  • Ab 4000 Metern Gefahr von Höhenkrankheit
  • Temperaturen bis unter 30 Grad
  • Langer und anstrengender Gipfeltag
  • Orientierungsprobleme am Gipfelplateau bei Nebel und Sturm
  • Keine medizinische Versorgung (trotz eines Arztes im Basecamp, der aber außer Kohletabletten nichts zu bieten hat)
  • Einige vereiste Steilaufschwünge verlangen sehr wohl Steigeisen, also nicht zu Hause lassen!
Tipps
  • Eine passende Ausrüstungs–Packliste findest du hier >>>
  • Für Kirgistan und Kasachstan muss je ein Visum beantragt werden
  • Übliche Währung für Ausländer: US–Dollar; für Kleinigkeiten (Getränke im Base) lässt man sich 40 Dollar in die Ortswährung "Som" (1 Dollar = ca. 15 Som) wechseln
  • Beste Besteigungszeit: Juli/August (Temperaturspanne: +40/–20°)
  • IMPFUNGEN: Im Prinzip sind keine vorgeschrieben, aber der Schutz gegen
    • Hepatitis A/B
    • Polio
    • Tetanus
    • Diphterie sollte unbedingt aufgefrischt sein
  • Zeitumstellung: + 5 Stunden zur WEZ
  • Karte 1:100.000: Karto–Atelier, Arne Rohweder Forchstraße 101, Ch – 8127 Schweiz
  • Im Basislager gibt es reichlich Gasflaschen mit Adapter zum Nachfüllen von Husch/Epigas–Kochern. Benzinkocher bewähren sich ab Lager 2 (5.000m) nicht mehr (Ruß, hoher Benzinverbrauch, im sturmgebeutelten Zelt zu gefährlich).
Geschichte

1928: Erstbesteigung durch die Deutschen Karl Wien, Eugene Allwein und Erwin Schneider

1974: 8 Mitglieder einer Frauenexpedition sterben in einem Sturm

1990: Lawinenkatastrophe in Lager 2, ausgelöst durch ein Erdbeben: 49 Alpinist(inn)en kommen ums Leben

Wissen

Die scheinbar großmundige Bezeichnung "Dach der Welt" stammt von der Ansicht der Geografen, dass das Pamirgebirge, im Dreiländereck China–Afghanistan–GUS gelegen, gleich einem Spinnenkörper den Mittelpunkt der Kämme des Himalaja, Karakorum, Tien Shan und Kun Lun Shan bilde. Unser Berg, der Pik Lenin, liegt an der Grenze zwischen Kirgistan und Tadschikistan, gehört so eigentlich zur Transalai–Kette und wurde früher auch Pik Kaufmann genannt.

Alai und Pamir sind wie Himalaja und Karakorum junge Faltengebirge, die nach wie vor an Höhe gewinnen. Das Pamirgebirge besteht im Wesentlichen aus 9 Gebirgsketten, die parallel zum Äquator verlaufen und zählt nach Himalaja und Karakorum als das dritthöchste Gebirge der Welt. Die höchste Erhebung des Pamir liegt mit dem Kongur (7.719m) in China, auch der höchste Berg der GUS liegt im Pamir: der 7.495m hohe Pik Kommunismus. Die Schneegrenze liegt um 1000m höher als in den Alpen, 10.000m2 sind von Gletschern bedeckt, zu den Hauptgesteinsarten zählen Sedimente und Konglomerate.

Kirgistan selbst ist ein gebirgiges und vor allem farbiges Land. 70 % liegen über 3.000m hoch, unendlich lange und breite Hochtäler weisen wüstenähnlichen Charakter auf. Vor allem die Gegensätze der Landschaft machen den unvergesslichen Reiz des jungen Staates aus: An einem Tag wähnt man sich in der braunschwarzen Sierra Madre, am nächsten in der Eiswelt des Mont Blanc–Massivs, dann im Schnee der Anapurna. Die Bevölkerung setzt sich vor allem aus Bauern zusammen, kirgisische Nomaden ziehen wie vor Jahrtausenden mit ihren Jurten (zeltähnliche, aber durchaus gemütliche und geräumige Behausungen) und Viehherden durch die weitläufige, helle Landschaft.

Links

Bishkek, Tien Shan,

Pamir, Tien Shan, Karte

Kartenskizze, Bericht, Höhendiagramm Pik Lenin

Länderinfo Kirgistan

Expeditionstagebuch Pik Lenin

Wetter in Bishkek

© 2000 - Thomas Rambauske

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