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Otto "Rambo" Herzog____________________________________

Pionier des VI. Grades

Von Uli Auffermann                                                                       Zur Übersicht

Otto "Rambo" Herzog setzte nicht nur in der Schwierigkeit seiner Routen neue Maßstäbe, sondern auch in Technik und Ausrüstung. Herzog war es, der den Karabiner ("Schnappring") einführte, Herzog war es, der noch vor Dülfer den Seilquergang erfunden haben soll, und Herzog war es, der sich den VI. Schwierigkeitsgrad erkletterte - und dennoch ein Mensch mit Seele blieb, der seine Berge, speziell das Karwendel, über alles liebte.

Otto HerzogEine Szene, wie man sie an schönen Sonntagen in vielen Klettergärten beobachten kann: Zahlreiche Felsbegeisterte haben sich eingefunden, jeder versucht auf seine Weise zu trainieren, auszuprobieren, seine Technik zu verbessern oder seine eigenen Grenzen um wenige Zentimeter nach oben zu verschieben.
Und dann gibt es jemanden, der besonders auffällt: Ein kräftiger, athletischer Kletterer, Typ Turner oder Artist, der sich in eine Stelle verbissen hat, sie immer wieder versucht, minuten-, ja stundenlang. Bis ihm ein Freund zuruft, dass er bald aufhören solle, damit er keinen Schaden nehme. Das besondere daran? Wir befinden uns nicht beim Klettergartentraining im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts, sondern im Münchner Klettergarten noch vor dem Ersten Weltkrieg.

Ein kräftiger, athletischer Kletterer, Typ Turner oder Artist, der sich in eine Stelle verbissen hat, sie immer wieder versucht, minuten-, ja stundenlang.

Der in die Wandstelle "Verbissene" heißt Otto Herzog. Und der zurufende Beobachter spricht nicht nur vom Schaden, den Herzog nehmen könnte, sondern prophezeit ihm, dass er bald "ramponiert" sei. Die Geburtsstunde des Beinnamens für Otto Herzog - "Rampo" von ramponiert, und weil es mundgerechter und gefälliger klang, sollte er von nun an Rambo gerufen werden.
Otto Herzog war aber alles andere als ein "Rambo" im heutigen Sinne. Gewiss, ein Draufgänger schon, aber doch vorsichtig. Ein Kletterer, der hart trainierte und von sich selbst das Äußerste abverlangte. Ausgestattet mit einem Instinkt für Routen, in denen er die Grenzen des damals frei Kletterbaren berührte und überschreiten konnte. Ein Abenteurer war er, ein sportlicher Eroberer, physisch topfit, mit Lust an der Leistung und der Herausforderung.
Über 170 Erstbegehungen und 26 absolute Erstbesteigungen unterstreichen dies in beeindruckender Weise. Dennoch, es würde Otto Herzog nicht gerecht, wollte man ihn auf die Zahl seiner Bergsteiger-Taten reduzieren. Dem Menschen, dem Charakter Herzogs ohnehin nicht, aber auch nicht seinem besonderen Wert im Alpinismus, der aus der heute möglichen Draufsicht auf die Kletterhistorie als außerordentlich erscheint.

Herzog setzt neue Maßstäbe

In der gesamten Geschichte des Felskletterns hat es immer wieder Phasen gegeben, in denen sich ein Entwicklungsabschnitt einer so revolutionären Veränderung näherte, dass damit stets Grundsatzentscheidungen, Wertediskussionen und Stilfragen einhergingen. Immer waren es Freigeister, die aufgrund ihrer eigenen exorbitanten Kletterfähigkeit das Tor aufstießen für eine neue Schwierigkeitsstufe, für einen Werte- und Stilwandel. Denken wir an die Einführung des VII. Schwierigkeitsgrades, an die Diskussion um den Gebrauch von Magnesia und vieles mehr.

Herzogs Erstbegehungen waren wie leuchtende Orientierungsbojen, als sich das sportliche Felsklettern endgültig vom heroischen Gipfelbergsteigen abzunabeln begann.

Auch zu Herzogs Zeiten gab es im Klettersport auf der einen Seite die Protagonisten, die sich mit aller Intellektualität, allem Kletterkönnen und Sachverstand in ethische Grundsatzdiskussionen verbissen und vehement Veränderung oder Bewahrung einforderten.
Daneben flankierten aber immer unverkrampftere Zeitgenossen jene schwierigen Umbrüche. Natürlich waren sie genauso interessiert an der Entwicklung - blieben aber experimentierfreudig und bedienten sich bei ihren Erstbegehungen oft in einem Stile-Crossover des Altbewährten und des noch Verpönten.
Mit ihren Routen, mit ihrer Art, Neues zu wagen, setzten sie einen veränderten Stil durch, ließen die Streits und Diskussionen verstummen und trugen dazu bei, dass die Kletterkunst nicht in Stagnation verfiel, sondern in einem organischen Entwicklungsprozess neue Maßstäbe hervorbrachte. Zu jener Art "alpiner Exekutive" gehörte wohl auch Otto Herzog. Seine Erstbegehungen waren wie leuchtende Orientierungsbojen, als sich das sportliche Felsklettern endgültig vom heroischen Gipfelbergsteigen abzunabeln begann.

Die Frage der Technik

Wir müssen uns dazu die Geschehnisse in der alpinen Szene vor dem Ersten Weltkrieg vergegenwärtigen, um zu begreifen, was es bedeutete, dass Otto Herzog zusammen mit dem Zillertaler Bergführer Hans Fiechtl mit der Erstdurchsteigung der Schüsselkarspitze-Südwand 1913 eine der bis dahin wohl schwierigsten Kletterfahrten gelungen war. Ein Route, die im 8-Meter-Wandl den VI. Grad nur knapp verfehlte. Keine Geringeren als Tita Piaz und Paul Preuß waren an der Route abgeblitzt.

Es kam zu einer Kontroverse, die die Gilde der Kletterer in Gegner und Befürworter technischer Hilfsmittel aufspaltete.

Jener Paul Preuß, der den Einsatz von Seil und Haken als Hilfsmittel beim extremen Klettern ablehnte. Nachdrücklich forderte er, auf den Einsatz künstlicher Hilfsmittel beim Klettern möglichst zu verzichten, vor allem bei der Erschließung neuer Routen. Es kam zu einer Kontroverse, die die Gilde der Kletterer in Gegner und Befürworter technischer Hilfsmittel aufspaltete. Es ging hin und her, man griff sich an, beharrte auf seinen Meinungen. Alles, was Rang und Namen hatte in der Szene der extremen Kletterer, war mehr oder weniger an der inhaltlichen Auseinandersetzung beteiligt, die ihren Höhepunkt in einer heftigen Debatte bei einer Diskussionsveranstaltung der Sektion Bayerland hatte.

Bilderhaken - Ringhaken - Karabiner

Die Entwicklung ließ sich aber nicht mehr aufhalten. Seitdem die wesentlichen Gipfel der Alpen bestiegen waren, suchten sich die jungen Bergsteiger Anstiege über Grate, Kanten und Wände. Egal wie hoch oder berühmt der Gipfel war, entscheidend für die bergsteigerische Herausforderung wurde jetzt die Schwierigkeit einer Tour. Der Weg war sprichwörtlich zum Ziel geworden. Alles Können und die ganze Kraft galt es nunmehr für die Überwindung der schwersten Stellen einer Route einzusetzen. Seit dieser Umbruchphase im Alpinismus, seit sportliche Fertigkeiten, Kraft und Geschick Zug um Zug den alten Heroismus ersetzten, bemühten sich die Kletterer um Absicherung. Sie wollten nach schweren Anstiegen lebend am Gipfel stehen und nicht in den Schlüsselpassagen ihr Leben lassen. Das Seil wurde zum wichtigsten Ausrüstungsgegenstand, und seit der Jahrhundertwende trieben findige Alpinisten auch Eisenstifte zur Sicherung in die Felsritzen. Zunächst war es eine Art Bilderhaken, über den das Seil einfach beim Hinaufsteigen gelegt wurde, in der Hoffnung, dass sich der Hanfstrick bei einem Sturz an dem Stift verfangen würde.

... seit sportliche Fertigkeiten, Kraft und Geschick Zug um Zug den alten Heroismus ersetzten, bemühten sich die Kletterer um Absicherung. Sie wollten nach schweren Anstiegen lebend am Gipfel stehen.

Dann kam der Ringhaken auf, durch den der Kletterer das Seil umständlich, sich stets selbst ausbindend, fädeln musste. Otto Herzog benutzte etwa ab 1909 Karabiner, die bis dahin nur bei der Feuerwehr als Gurthaken zum Einsatz kamen, auch beim Klettern. Durch die Schnappöffnung konnte der Karabiner jetzt problemlos in die Hakenöse eingeklinkt und das Seil in den Karabiner eingehängt werden. Das gefährliche und zeitraubende Ein- und Ausbinden und das Durchfädeln des Seilendes durch die Hakenöse oder das Knoten einer Reepschnurschlinge als Karabinerersatz wurden so überflüssig. Herzog wies damit die Richtung, wohin die weitere Verbesserung der Kletterkarabiner gehen sollte. Auch beim Umgang mit dem Seil tüftelte er. Den berühmten fallenden Seilzugquergang, um eine Route nach Überwindung einer zur damaligen Zeit noch nicht frei kletterbaren Stelle wieder aufnehmen zu können, praktizierte Herzog als einer der ersten. Dabei ist es heute müßig, darüber zu streiten, ob Rambo die geniale Idee zuerst einfiel oder Dülfer, dem dieses besondere "Abseilmanöver" als Erfindung zugesprochen wurde.

Schwierigkeit I-V ..., was dann?

Der Erste Weltkrieg unterbrach die Lust auf ein Höherschrauben des Schwierigkeitsgrades der "jungen Wilden", der sportlich ambitionierten Kletterer. Viele der Besten, die vor dem Krieg in eine neue Dimension des Kletterns vorgedrungen waren, wie z. B. Hans Dülfer, kehrten von den Fronten nicht mehr zurück in ihre geliebten Berge. Und die, die den Wahnsinn überlebt hatten, oft traumatisiert und verunsichert, schickten sich an, dort weiterzumachen, wo sie vor dem europäischen Unheil aufgehört hatten.
Sportlicher, schwerer und noch schwieriger sollten die Routen sein, die sie wie das Netz einer Spinne über die Felswände zogen. Es entstand ein Wettbewerb unter den Alpinisten und den großen Bergsteigerzentren München und Wien. Wer sportliche Konkurrenz suchte, brauchte ein Vergleichssystem, eine Skala, mit deren Hilfe man Routen und damit auch ihre Erstbegeher einstufen konnte.

In Dülfers höchstem, dem V. Grad, also dem "äußerst schwierigen", sammelten sich Touren an, die noch äußerster als äußerst zu sein schienen.

Und da man die Schwierigkeiten einer Kletterei als Synonym ihrer Bedeutung herausstellte, mussten Parameter für eine Bewertung eben dieser Schwierigkeiten erstellt werden.
Die Diskussion um das richtige Bewertungssystem war nicht neu. Dülfer hatte noch vor dem Krieg eine fünfstufige Bewertungsmatrix ins Leben gerufen und die einzelnen Abstufungsgrade von 1 bis 5 mit den Begriffen leicht, mittelschwer, schwer, sehr schwer und äußerst schwer versehen. Aber damit war es nicht genug. In Dülfers V. Grad, also dem "äußerst schwierigen", sammelten sich Touren an, die noch äußerster als äußerst zu sein schienen. Manche Erstbegehungen Dülfers lagen offensichtlich schon darüber, und die besagte Neutour an der Südwand der Schüsselkarspitze von Herzog und Fiechtl sprengte eindeutig das Korsett des Dülferschen V. Grades.

Herzog klettert den VI. Grad

Wieder war es Otto Herzog, der mit einer Erstbegehung 1921 die Diskussion unter den Extremen um die Schwierigkeitsbewertung erneut anheizte. Zusammen mit Gustav Haber war ihm an der Dreizinkenspitze im Karwendel die berühmte "Ha-He-Verschneidung" gelungen. Trotz einer Kriegsverletzung an der Hand hatte Rambo nach dem Krieg rasch zu seiner alten Form zurückgefunden, und mit der "Ha-He" hatte er faktisch den VI. Grad geklettert, die Schlüsselstelle ging beinahe über diesen schon hinaus. Der Ruf nach der Einführung des VI. Schwierigkeitsgrades wurde immer lauter. Willo Welzenbach nahm sich der Sache an und kanalisierte die Entwicklung nach Herzogs "Ha-He", nach Wiessners und Rossis "Südost" an der Fleischbank und Solleders und Lettenbauers Durchstieg durch die Civetta-Nordwestwand in eine Skala, die den VI. Grad als oberste Grenze definierte.

... ein Alpinist, der mit seiner Art, mit seinem Tun und seiner Einstellung dazu beigetragen hat, dass das Bergsteigen einen Kern, eine Seele hat.

Otto HerzogUnd danach? Otto Herzog blieb dem Klettern und Bergsteigen verbunden. Er sammelte weiter Erstbegehungen, kam in die Dolomiten, die Westalpen und sogar in den Kaukasus. Sein Lieblingsgebiet aber blieb das Karwendel. Hier lebte er intensiv, es war sein Karwendel, das er durchstreifte und kannte wie kein zweiter. "Rambo, Herzog von Ladiz", zierte die Aufschrift eines Brettes an seiner Lieblingsalm. Weggefährten berichten von einem skurrilen Zeitgenossen, rauschalig, mit derbem Humor. Ein harter Geselle sei er gewesen, der auch in fortgeschrittenen Jahren vor kalten Biwaknächten nicht zurückschreckte. Offen blieb er für den Spaß im Gebirge, bewahrte sich bis zuletzt eine ungestüme Jugendlichkeit. Wie seine Freunde überlieferten, verbiss er sich noch im Alter in neue Schwungtechniken beim Skilaufen und liebäugelte als Kletterer mit Neutouren, die erst mit dem allerneuesten Eisenzeug möglich waren.
Otto Herzog, ein Original also, gleichsam zurückhaltend und forsch, bescheiden und doch vom Leben Intensität fordernd. Einer, der den Bergen als Lebensideal allzeit verbunden blieb, ein Alpinist, der mit seiner Art, mit seinem Tun und seiner Einstellung dazu beigetragen hat, dass das Bergsteigen einen Kern, eine Seele hat.

Steckbrief

* 05.10.1888 in Fürth, aufgewachsen in München; Geschwister: Paula, Willi ("Mungo") und Christian;
als Kind Mitglied zweier Turnvereine - ein Turner nahm ihn mit in die Berge.
Beruf: Schreiner und Zimmermann; im Ersten Weltkrieg vier Jahre Soldat, kehrte dekoriert, aber verwundet zurück;
seit 1911 Mitglied der Sektion Bayerland;
insgesamt ca. 178 Erstbegehungen und 26 Erstbesteigungen zwischen 1909 und 1962;
+ 27.08.1964 in München

Eine Auswahl seiner Touren:

  • Lalidererwand-Nordwand, Erstbegehungsversuch mit Hannemann, Sommer 1911; die Schlüsselstelle "Rambo-Platte" war schon überwunden, dann Abbruch wegen schlechten Wetters (Erstbeg.: Dibona-Mayer-Rizzi 18./19.08. 1911);
  • 1. Beg. Lalidererspitze-Nordwestwand "Rambokamin", solo, August 1911
  • 1. Beg. Lalidererspitze-Nordkante, mit Paula u. Christian Herzog, Aug.1911
  • 1. Beg. Risser Falken-Ostwand, mit Gustav Haber
  • 2. Beg. Lalidererwand-Nordwand "Dibona-Mayer", mit Sixt, Juli 1912
  • 7. Beg. Fleischbank-Ostwand, mit Bruder Christian, Sommer 1912
  • 1. Beg. Schüsselkarspitze-Südwand, mit Hans Fiechtl, Oktober 1913
  • 1. Beg. Nördl. Sonnenspitze Ostschlucht, allein, Sommer 1914
  • 1. Beg. Nördl. Sonnenspitze-Nordkante, allein, Sommer 1914
  • 1. Beg. Totenkirchl-Direkte Westwand, 1914
  • 1. Beg. Gamsjoch-Nordwestwand, mit J. Koch, Juli 1919
  • 1. Beg. Risse Falken-Ostwand, mit J. Koch, August 1919
  • 1. Beg. Dreizinkenspitze-Nordwand "Ha-He-Verschneidung", mit Gustav Haber, Juli 1921
  • 1. Beg. Risser Falken-Westkante, 1921
  • 1. Beg. Geiselstein alte Ostwand, mit Gefährten, 1921
  • 1. Beg. Dreizinkenspitze-Direkte Nordwand, mit Haber u. "Mungo" Herzog, Sommer 1929
  • 1. Beg. Kleiner Uschba-Nordwestkante, (4150 m) Kaukasus
  • Neutouren am Bobotov Kuk und den Durmitortürmen (Montenegro), 1962
Bildquelle: Redaktion Land der Berge; Text: Uli Auffermann; www.uliauffermann.de

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