Die
Bezeichnung "weltalte Majestät"
stammt von
Ignaz von Kürsinger, dem Initiator der Erstersteigung des
Großvenedigers. Und er hatte nicht ganz unrecht, zählt doch
der Großvenediger zu den beeindruckendsten
Gletscherbergen der Ostalpen und bildet er mit seinen sternförmig
ausgerichteten Graten ein weites, majestätisches Dach aus Eis und
Schnee. Durch seine exponierte Lage reicht der Gipfelblick bei Schönwetter
bis zur Bernina und zum Ortler - und nicht bis Venedig, wie man früher
annahm (siehe "Geschichte ..." unten).
Kalt ist's
mitten im heißesten Sommer seit Jahrzehnten, als wir das gastliche
und trotz des Ansturms nie überforderte Defreggerhaus
verlassen. In kurzer Zeit über das geröllige Mullwitzaderl
hoch, bis sich uns die breite Flanke der "weltalten Majestät"
zeigt - und die Aufstiegsspur, in der sich Karawane um Karawane nach
oben zieht.
Dort wo das Mullwitzaderl nahtlos in den Gletscher übergeht,
am sog. Schartl (3042m), legen wir die Steigeisen an,
man braucht sie, wenn es zunächst ein paar Meter über Eis
(Stangen) hinunter zum Rainerkees geht. Von dort dann harmlos
und wenig steil in nordwestlicher Richtung (Spalten, anseilen) über
das InnereMullwitzkees aufwärts in die Senke zwischen
HohemAderl und Rainerhorn, von dort zuerst eben,
dann steiler werdend über den Oberen Keesboden ins Rainertörl,
3421m. In nordwestlicher Richtung über den Oberen Keesboden
(Spalten!) zum Gipfelaufbau des Großvenedigers. Über den
flachen Firngrat zum südlichen Vorgipfel. Viele begnügen sich
mit diesem Gipfel, wäre doch noch ein kleiner, frecher Grat zu
bewältigen zum Gipfelkreuz hinüber. Eigentlich eine
vollkommen unnötige, gefährliche Schikane, kann doch kein
Meter Unterschied zwischen hier und dort bestehen. Am Grat heißt
es nämlich, die rechte Balance zu wahren und nicht übers Seil
zu stolpern, sonst winkt ein Abflug über senkrechte Eiswände
... Liebe
Touristiker! Warum denn das Gipfelkreuz nicht auf das flache, weite
Plateau versetzen und den Grat Grat sein lassen? Jeder, der sich den
Großvenediger hinaufquält, möchte doch in den Genuss
eines hübschen Fotos mit Kreuz kommen und dafür nicht diesen
riskanten Seiltanz riskieren!
Nelly und Susanne
on top!
Abstieg
W.o.,
GZ 2-2,5 Stunden
Wir steigen
die Aufstiegsspur zurück. Beneidenswert jene meiner Gruppe, die
in ihrem 3000er-Pionierglück schwelgen - "Der Großvenediger!
Wir haben den Großvenediger geschafft!", hört man
es immer wieder jubeln - ja, auch ein sog. "leichter"
Dreitausender muss einmal bewältigt sein - zweifellos ein großer
Erfolg.
Defreggerhaus
Das
Defreggerhaus
bleibt zu meinem Erstaunen trotz des Ansturms durch Großvenediger-Aspiranten
immer gemütlich. Die Hütten-Team hat die Lage stets im Griff,
Essen/Getränke werden schnell und freundlich ausgefolgt. Die Lager
und Toilettanlagen sind zwar spartanisch gehalten, aber angesichts eines
großartigen Gipfelerlebnisses stört das in Wahrheit niemanden.
Gerhard
und Anneliese im Defreggerhaus
Geöffnet
ist die ÖTK-Hütte von Ende Juni bis Ende September im Frühjahr,
für Tourengeher auf Anfrage. 35 Betten, 60 Bergsteigerlager, Waschräume,
WC, Winterraum, für Gruppen Anmeldung erbeten.
Zustieg:
Von Hinterbichl in 4,5 - 5 Stunden, von der Johannishütte
in 2,5 Stunden
Infos:
Familie Klaunzer Peter, Bergführer, Edenweg 7, A-9971 Matrei i.
O.; Tel. Tal: 04875-6110, Tel. Hütte: 0676/9439145, Fax: 04875-6110-4
Die "weltalte
Majestät" vom Großen Geiger aus gesehen
Die
Geschichte der "weltalten Majestät"
"Weltalte
Majestät", nannte Ignaz von Kürsinger, der Initiator
der Erstersteigung, den Hauptgipfel der Venedigergruppe. Der Name
"Großvenediger" tauchte erst 1797 im Protokoll einer
Grenzbeschau auf, womit auch die Diskussion um dessen Bedeutung begann.
Er stamme von italienischen Händlern, die von Süden (Venedig)
über das Gebirge kämen, behaupteten die einen, nein, der Name
rühre von der Fernsicht bis Venedig her, hielten die andere dagegen.
1873 errechnete gar ein Oberrealschullehrer, dass der Blick vom Venediger
sogar weit über die rund 180 Kilometer entfernte Lagunenstadt hinaus
reichen müsse. Dem Herrn Lehrer unterliefen allerdings einige Fehler
in der Berechnung. Und die Sicht zum Mittelmeer ist außerdem noch
durch die Sextener Dolomiten verbaut.
Auch was die Höhe des Großvenedigers angeht, ziehen
sich grundverschiedene Deutungen bis in die heutige Zeit. Von 3674 Metern
ist da die Rede, von 3656m dort usw., in der Literatur findet man im
Zeitalter von GPS- und Satellitenmessung soviel Höhenangaben, wie
man will ...
Doch nicht nur Kartographen, auch die Erschließer des Hochgebirges
nahmen vergleichsweise spät Notiz von der "verborgenen Majestät".
Amerika war längst entdeckt, 1786 der Gipfel des Montblanc, 1800
der des Großglockner erstbestiegen, als Anfang August 1828 in
Neukirchen 17 Männer mit dem Großvenediger als Ziel aufbrachen.
Zu ihnen gehörte auch der bergbegeisterte Erzherzog Johann
und der als Bergführer engagierte Gamsjäger Paul Rohregger
aus Bramberg. Der Versuch misslang und endete beinahe in einer Katastrophe,
weil Rohregger nur 150 Meter unter dem Gipfel von einer Lawine in die
Tiefe gerissen und schwer verletzt wurde.
Für
die nächsten 13 Jahre hatten Majestät wieder Ruhe vor aufdringlichen
Bewerbern. Ehe jedoch Auswärtige "der höchsten Zinne
des Landes" zu nahe treten konnten, machte Ignaz von Kürsinger,
Amtspfleger zu Mittersill,
die Ersteigung des Berges zur nationalen Angelegenheit aller "ehrengeachteten
Oberpinzgauer". Am 27. August 1841 erschien im Amts- und Intelligenzblatt
eine von ihm unterzeichnete Einladung "zur Teilnahme an der Exkursion
zu dem im Bezirke befindlichen Bergriesen, den noch keine menschliche
Seele erstiegen hat". Nicht zuletzt in Erwartung der versprochenen
"unbegränzten Aussicht" machten sich 40 Teilnehmer samt
Fahnenträger und Trompeter am 2. September 1841 auf den Weg. Einen
Tag später erreichten 26 von ihnen den Gipfel, darunter auch der
inzwischen 68-jährige Paul Rohregger.
Schwierigkeiten:
Die
Gletscher des Großvenedigers sind durchwegs von wilden Seraczonen
und tiefen Spalten durchzogen, weswegen man auf das Gehen
am Seil keineswegs verzichten sollte.
Gipfelgrat
und Gipfel des Großvenedigers ist ständigen Veränderungen
unterworfen, extreme Wächtenbildungen können Durchbruchgefahr
bedeuten.
Bei
Schneesturm oder Nebel ist die Orientierung am Gletscher
denkbar schwierig.
Auch
die Kälte ist nicht zu unterschätzen. Wie wir selbst
erfahren haben, muss auch mitten im Sommer mit Temperaturen bis weit
unter 0° gerechnet, die Ausrüstung darauf abgestimmt werden.