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Die "weltalte Majestät"

Großvenediger

3667m, Venedigergruppe, August 2003

Großvenediger

Von Thomas Rambauske

Intro

Die Bezeichnung "weltalte Majestät" stammt von Ignaz von Kürsinger, dem Initiator der Erstersteigung des Großvenedigers. Und er hatte nicht ganz unrecht, zählt doch der Großvenediger zu den beeindruckendsten Gletscherbergen der Ostalpen und bildet er mit seinen sternförmig ausgerichteten Graten ein weites, majestätisches Dach aus Eis und Schnee. Durch seine exponierte Lage reicht der Gipfelblick bei Schönwetter bis zur Bernina und zum Ortler - und nicht bis Venedig, wie man früher annahm (siehe "Geschichte ..." unten).


Aufstieg

Defreggerhaus (2964m) - Mullwitzaderl - Großvenediger (3667m)

HM ca. 870 m / GZ 2,5 - 3 Stunden

 

Am Mullwitzaderl

 

Am Gipfelgrat
Am Grat zwischen Gipfel und Gipfel

Kalt ist's mitten im heißesten Sommer seit Jahrzehnten, als wir das gastliche und trotz des Ansturms nie überforderte Defreggerhaus verlassen. In kurzer Zeit über das geröllige Mullwitzaderl hoch, bis sich uns die breite Flanke der "weltalten Majestät" zeigt - und die Aufstiegsspur, in der sich Karawane um Karawane nach oben zieht.
Dort wo das Mullwitzaderl nahtlos in den Gletscher übergeht, am sog. Schartl (3042m), legen wir die Steigeisen an, man braucht sie, wenn es zunächst ein paar Meter über Eis (Stangen) hinunter zum Rainerkees geht. Von dort dann harmlos und wenig steil in nordwestlicher Richtung (Spalten, anseilen) über das Innere Mullwitzkees aufwärts in die Senke zwischen Hohem Aderl und Rainerhorn, von dort zuerst eben, dann steiler werdend über den Oberen Keesboden ins Rainertörl, 3421m. In nordwestlicher Richtung über den Oberen Keesboden (Spalten!) zum Gipfelaufbau des Großvenedigers. Über den flachen Firngrat zum südlichen Vorgipfel. Viele begnügen sich mit diesem Gipfel, wäre doch noch ein kleiner, frecher Grat zu bewältigen zum Gipfelkreuz hinüber. Eigentlich eine vollkommen unnötige, gefährliche Schikane, kann doch kein Meter Unterschied zwischen hier und dort bestehen. Am Grat heißt es nämlich, die rechte Balance zu wahren und nicht übers Seil zu stolpern, sonst winkt ein Abflug über senkrechte Eiswände ...
Liebe Touristiker! Warum denn das Gipfelkreuz nicht auf das flache, weite Plateau versetzen und den Grat Grat sein lassen? Jeder, der sich den Großvenediger hinaufquält, möchte doch in den Genuss eines hübschen Fotos mit Kreuz kommen und dafür nicht diesen riskanten Seiltanz riskieren!



Nelly und Susanne on top!

Abstieg

W.o., GZ 2-2,5 Stunden

 

Wir steigen die Aufstiegsspur zurück. Beneidenswert jene meiner Gruppe, die in ihrem 3000er-Pionierglück schwelgen - "Der Großvenediger! Wir haben den Großvenediger geschafft!", hört man es immer wieder jubeln - ja, auch ein sog. "leichter" Dreitausender muss einmal bewältigt sein - zweifellos ein großer Erfolg.


Defreggerhaus

Das Defreggerhaus bleibt zu meinem Erstaunen trotz des Ansturms durch Großvenediger-Aspiranten immer gemütlich. Die Hütten-Team hat die Lage stets im Griff, Essen/Getränke werden schnell und freundlich ausgefolgt. Die Lager und Toilettanlagen sind zwar spartanisch gehalten, aber angesichts eines großartigen Gipfelerlebnisses stört das in Wahrheit niemanden.


Gerhard und Anneliese im Defreggerhaus

Geöffnet ist die ÖTK-Hütte von Ende Juni bis Ende September im Frühjahr, für Tourengeher auf Anfrage. 35 Betten, 60 Bergsteigerlager, Waschräume, WC, Winterraum, für Gruppen Anmeldung erbeten.

Zustieg: Von Hinterbichl in 4,5 - 5 Stunden, von der Johannishütte in 2,5 Stunden

Infos: Familie Klaunzer Peter, Bergführer, Edenweg 7, A-9971 Matrei i. O.; Tel. Tal: 04875-6110, Tel. Hütte: 0676/9439145, Fax: 04875-6110-4


Die "weltalte Majestät" vom Großen Geiger aus gesehen

Die Geschichte der "weltalten Majestät"

"Weltalte Majestät", nannte Ignaz von Kürsinger, der Initiator der Erstersteigung, den Hauptgipfel der Venedigergruppe. Der Name "Großvenediger" tauchte erst 1797 im Protokoll einer Grenzbeschau auf, womit auch die Diskussion um dessen Bedeutung begann. Er stamme von italienischen Händlern, die von Süden (Venedig) über das Gebirge kämen, behaupteten die einen, nein, der Name rühre von der Fernsicht bis Venedig her, hielten die andere dagegen. 1873 errechnete gar ein Oberrealschullehrer, dass der Blick vom Venediger sogar weit über die rund 180 Kilometer entfernte Lagunenstadt hinaus reichen müsse. Dem Herrn Lehrer unterliefen allerdings einige Fehler in der Berechnung. Und die Sicht zum Mittelmeer ist außerdem noch durch die Sextener Dolomiten verbaut.
Auch was die Höhe des Großvenedigers angeht, ziehen sich grundverschiedene Deutungen bis in die heutige Zeit. Von 3674 Metern ist da die Rede, von 3656m dort usw., in der Literatur findet man im Zeitalter von GPS- und Satellitenmessung soviel Höhenangaben, wie man will ...
Doch nicht nur Kartographen, auch die Erschließer des Hochgebirges nahmen vergleichsweise spät Notiz von der "verborgenen Majestät". Amerika war längst entdeckt, 1786 der Gipfel des Montblanc, 1800 der des Großglockner erstbestiegen, als Anfang August 1828 in Neukirchen 17 Männer mit dem Großvenediger als Ziel aufbrachen. Zu ihnen gehörte auch der bergbegeisterte Erzherzog Johann und der als Bergführer engagierte Gamsjäger Paul Rohregger aus Bramberg. Der Versuch misslang und endete beinahe in einer Katastrophe, weil Rohregger nur 150 Meter unter dem Gipfel von einer Lawine in die Tiefe gerissen und schwer verletzt wurde.

Für die nächsten 13 Jahre hatten Majestät wieder Ruhe vor aufdringlichen Bewerbern. Ehe jedoch Auswärtige "der höchsten Zinne des Landes" zu nahe treten konnten, machte Ignaz von Kürsinger, Amtspfleger zu Mittersill, die Ersteigung des Berges zur nationalen Angelegenheit aller "ehrengeachteten Oberpinzgauer". Am 27. August 1841 erschien im Amts- und Intelligenzblatt eine von ihm unterzeichnete Einladung "zur Teilnahme an der Exkursion zu dem im Bezirke befindlichen Bergriesen, den noch keine menschliche Seele erstiegen hat". Nicht zuletzt in Erwartung der versprochenen "unbegränzten Aussicht" machten sich 40 Teilnehmer samt Fahnenträger und Trompeter am 2. September 1841 auf den Weg. Einen Tag später erreichten 26 von ihnen den Gipfel, darunter auch der inzwischen 68-jährige Paul Rohregger.


Schwierigkeiten:


Die Gletscher des Großvenedigers sind durchwegs von wilden Seraczonen und tiefen Spalten durchzogen, weswegen man auf das Gehen am Seil keineswegs verzichten sollte.

Gipfelgrat und Gipfel des Großvenedigers ist ständigen Veränderungen unterworfen, extreme Wächtenbildungen können Durchbruchgefahr bedeuten.

Bei Schneesturm oder Nebel ist die Orientierung am Gletscher denkbar schwierig.

Auch die Kälte ist nicht zu unterschätzen. Wie wir selbst erfahren haben, muss auch mitten im Sommer mit Temperaturen bis weit unter 0° gerechnet, die Ausrüstung darauf abgestimmt werden.

Höhenmeter: 870 m
Gesamtgehzeit: ca. 5 - 5,5 Stunden
Beste Jahreszeit: August, Anfang September
Kinder: Ab 15
Ausrüstung: Pack-Checkliste >>>
Einkehrmöglichkeiten: Defreggerhaus
Karte: ÖK 1:50.000, Blatt 151 und 152, AV-Karte 1:25.000, Blatt 36 "Venedigergruppe"
Internet:

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