Die
Vordere Gubachspitze, bis vor Kurzem ein leicht zu erreichender Hütten-Dreitausender,
stellte uns im Hitzesommer 2003 vor fast unlösbare Probleme. Der
Bericht darüber kann also bereits nächstes Jahr überholt
sein, so sich der Zustand der Gletscher wieder normalisiert. Aber er
kann durchaus auch für die nächsten Jahre Gültigkeit
haben, wenn sich das Alpenklima weiter in Richtung Erwärmung entwickelt.
Es sollte
ein Tag voller Abenteuer, Spannung, aber auch Genuss werden. Wir marschieren
um 6 Uhr von der Essener
Rostocker Hütte (Vorstellung
der Hütte >>>) los, um noch feste Gletscherbrücken
vorzufinden und eventueller Steinschlaggefahr auszuweichen.
Über Moränengeröll bis zur Abzweigung auf die Rostocker
Egge, dem wanderbaren Hausberg der Essener
Rostocker Hütte. Von dort unmarkiert von Steinmandl zu
Steinmandl. Den Fuß eines Steinschlag gefährdeten Hanges
heißt es einzeln und im Laufschritt zu queren, da bereits die
ersten Sonnenstrahlen jenes Eis aufzuweichen beginnen, das die Steine
wie Zement umschließt. Dann auf den wohl wildesten Gletscher,
den ich je erlebt habe. Der heiße Sommer hat aus dem an sich gutmütigen
Firnfeld ein unglaublich labiles Spaltenlabyrinth geschmolzen - dünne
Brücken über bis zu 40m tiefen Spalten, schier ausweglose
Sackgassen, hartes Eis statt weichem Schnee ... wir benötigen fast
3 Stunden, um aus diesem Gewirr von Abgründen endlich den festen
Boden des Reggentörls zu betreten (3056m).
Dort heißt
es einmal ordentlich verschnaufen, das Nervenkorsett wieder zurecht
rücken und die Steigeisen ablegen. Über einen Geröllhang
auf das Umbalkees (wenig Spalten), diesen gequert bis zum Südwestgrat
der Vorderen Grubachspitze. Über diesen in unschwieriger
Blockkletterei zum Gipfel. 6 Stunden haben wir für eine Tour benötigt,
für die man normaler Weise keine 3 Stunden braucht. Dafür
haben wir uns aber eine grandiose Aussichts-Sonnenterrasse erkämpft
mit herrlichem Panorama auf Simonyspitze,
Großvenediger,Großen Geiger,
ja sogar bis zu den Dolomiten (Marmolata), Zillertalern
und Ötztalern reicht der Blick und aus dem Dunst schält
sich verschlafen der Großglockner. Dieses Sonnen- und Aussichtsbad
wird uns wohl ebenso lange in Erinnerung bleiben wie die darauffolgende
Rückkehr über den Monster-Gletscher.
Abstieg
W.o.,
Simonysee
GZ 3 Stunden
Langsam,
langsam - jeden Schritt voraussehend, abmessend, den einzig möglichen
Weg errechnend, das Risiko jeder Brücke abwägend tasten wir
uns zurück auf festen Boden.
Als Draufgabe
steuern wir noch den herrlich gelegenen Simonysee an, der allerdings
nur über den einen reißenden Gletscherfluss zu erreichen
ist. Ein etwa 30cm breiter Balken führt darüber - reine Nerven-
und Balancesache ... Einige der Gruppe geben hier auf - die anderen
finden ein besonders nettes Platzerl in einer Arena aus Gletscherriesen,
rauschenden Flüssen und satt machenden Fernblicken.
Im
Sommer 2003 galt höchste Alarmstufe beim Überqueren der ramponierten
und weit aufgerissenen Gletscher. Wer hier ohne Steigeisen und Seil
unterwegs ist, kann mit Fug und Recht als Selbstmörder bezeichnet
werden. Die Lage kann sich aber bereits in den nächsten Jahren
wieder ändern und der Klassifizierung der Tour als "leicht"
(siehe Hüttenprospekt) wieder Berechtigung verleihen.
Auch
die mit Eis durchsetzten Hänge auf dem Weg zum Gletscher sind in
punkto Steinschlag nicht zu unterschätzen.